Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 69

Erklärung des philosophischen Ausspruches, mit welchem sie Gott die erste Ursache nennen.

Die Philosophen nennen, wie du weißt, Gott die erste Ur­sache und den ersten Grund. Nur die unter dem Namen »Mutakallimun«11 bekannten scheuen sich vor diesem Namen sehr und nennen ihn den Bewirkenden, indem sie meinen, dass zwischen dem Ausdrucke »Grund« und »Ursache« einerseits und dem Ausdrucke »Bewirker« andererseits ein wesentlicher Unterschied bestehe. Sie sagen nämlich: Wenn man Gott die Ursache nennen würde, so würde daraus notwendig das Vorhandensein des Verursachten folgen, und dies müsste zur Annahme des Nichterschaffenseins der Welt, sowie zu der Folgerung führen, dass das Dasein der Welt eine notwendige Folge des Daseins Gottes ist. Nennt man ihn aber den Bewirker, so folgt hieraus nicht notwendig, dass das von ihm Bewirkt mit ihm zusammen dasein müsse; denn es ist ja möglich, dass der Bewirker früher da ist als das von ihm Bewirkte ; ja sie können sich den Begriff, ein Ding habe das andere bewirkt, nur in der Weise vorstellen, dass das Bewirkende vor dem von ihm Be­wirkten vorhanden war.

Dies aber ist die Rede von Menschen, die zwischen dem, was nur dem Vermögen nach, und dem, was in Wirklichkeit ist, nicht unterscheiden können. Du aber musst wissen, dass zwischen den Ausdrücken »Ursache« und »Bewirker« in dieser Hinsicht kein Unterschied besteht. Denn wenn du annimmst, dass auch die Ursache nur dem Vermögen nach eine solche ist, kann sie dem von ihr Verursachten der Zeit nach vorhergehen, während das Dasein des von ihr Verursachten allerdings, wenn sie eine Ursache der Wirklichkeit nach wäre, durch das wirk­liche Dasein der Ursache als solcher notwendig folgen müsste. Ebenso aber muss, wenn du annimmst, dass der Bewirker ein solcher der Wirklichkeit nach ist, das von ihm Bewirkte unbe­dingt notwendig vorhanden sein. Denn der Baumeister ist, ehe er das Haus baut, keineswegs ein Baumeister der Wirklich­keit nach, sondern nur dem Vermögen nach, und erst, wenn er es baut, wird er in Wirklichkeit ein Baumeister, so wie der Stoff dieses Hauses, bevor es erbaut wird, dem Vermögen nach ein Haus ist und erst, wenn es gebaut wird, der Wirklich­keit nach ein Gebäude wird, und das erbaute Ding dann not­wendig vorhanden sein muss. Wir haben also nichts ge­wonnen, wenn wir die Bezeichnung »Bewirker« der Be­zeichnung »Ursache« oder »Grund« vorziehen. In der Tat wollen wir hier zeigen, dass beide Bezeichnungen gleichwertig sind. Denn ebenso, wie wir Gott den Bewirker nennen, wenn auch das von ihm Bewirkte nicht vorhanden wäre, weil nichts ihn hindert oder hemmt, es, sobald er will, zu bewirken, ebenso ist es auch richtig, ihn in eben demselben Sinne Ur­sache oder Grund zu nennen, wenn auch das von ihm Verur­sachte nicht existierte.

Was aber die Philosophen dazu bestimmt hat, ihn Ursache oder Grund zu nennen, nicht aber Bewirker, ist nicht ihre be­kannte Meinung, dass die Welt unerschaffen sei, sondern andere Gründe, die ich dir in Kürze anführen will. In der Physik wird bereits auseinandergesetzt, dass es vier Ursachen gibt für alles, was eine Ursache hat, nämlich der Stoff, die Form, die bewirkende Ursache und der Zweck. Unter diesen sind manche nähere, manche entferntere, aber jede dieser vier wird Grund oder Ursache genannt. Und eine der Ansichten der Philosophen der ich hierin in keiner Weise widerspreche, ist auch die, dass Gott zugleich die bewirkende Ursache, die Form und der Zweck ist. Und deshalb sagen sie, Gott ist die Ursache und der Grund, weil sie damit diese drei Ursachen zusammen­fassen, nämlich dass er die bewirkende Ursache der Welt, ihre formelle und ihre Zweckursache ist. Ich will dir nun hier in diesem Kapitel darlegen, in welchem Sinne von Gott gesagt werden kann, dass er die bewirkende, formelle und auch die Zweckursache der Welt ist. Lass dich jedoch hier in deinem Denken nicht dadurch stören, dass du dich mit der Frage be­schäftigst, ob er die Welt erschaffen hat oder ob sie, wie jene meinen, notwendig aus dem Dasein Gottes folge ; denn, wie es der Wichtigkeit dieser Frage gemäß ist, wird darüber in diesem Buch noch ausführlich gesprochen werden. Hier will ich bloß sagen, dass Gott ebenso die bewirkende Ursache ist für jede einzelne Wirkung, die in der Welt stattfindet, wie er der Urheber der ganzen Welt ist, so wie sie ist. Ich sage also: Es ist bereits in der Physik bewiesen, dass man für jede einzelne dieser vier Arten von Ursachen eine andere Ursache suchen muss. Es sind also für jedes entstehende Ding diese vier nächsten Ursachen vorhanden, für diese Ursachen ebenfalls Ursachen und für diese wieder andere, bis man zu den ersten Ursachen gelangt. So können wir z. B. von dem und dem bewirkten Dinge sagen, der und der habe es bewirkt, dieser Bewirker hat aber ebenfalls einen Bewirker und dies so fort, bis wir zum ersten Beweger gefangen. Dieser ist nun in Wahrheit die be­wirkende Ursache aller dieser Mitteldinge. Dies ist z. B. so, wie wenn das α vom β, das β vom γ, das γ vom δ, das δ vom ε be­wegt würde. Dies geht aber nicht bis ins Unendliche. Bleiben wir also beispielsweise beim ε stehen, so ist unzweifelhaft das der Beweger für das α, das β, das γ und das δ, und wir können in Wahrheit sagen, die Bewegung des α sei vom ε hervorgebracht worden. Und in diesem Sinne wird jede im Seienden vor­kommende Wirkung Gott zugeschrieben, wenn sie auch, wie wir zeigen werden, was immer für eine unmittelbare bewirkende Ursache bewirkt haben mag Gott ist also, insofern er die be­wirkende Ursache ist, die entfernteste Ursache.

Ebenso aber werden wir, wenn wir die Formen der natür­lichen Dinge, die dem Werden und Vergehen unterliegen, genau untersuchen, bemerken, dass ihnen allen unbedingt eine andere Form vorhergegangen sein muss, die diesen Stoff bereitete, so dass er diese Form annehmen musste. Dieser zweiten Form muss aber gleichfalls eine andere vorhergegangen sein, bis wir zu einer letzten Form gelangen, welche für das Dasein dieser mittleren Formen notwendig ist, welche die Ursachen dieser nächsten Form sind, und diese letzte Form in allem Seienden ist Gott. Du darfst aber, wenn wir sagen, Gott ist die letzte Form des ganzen Universums, nicht glauben, dass dies die letzte Form bedeutete, von der Aristoteles in seinem Metaphysik ge­nannten Buch spricht, und von der er sagt, dass sie weder ent­standen ist, noch vergeht, denn die dort erwähnte letzte Form ist eine natürliche und kein stoffloses Vernunftwesen. Wir meinen ja keineswegs, wenn wir Gott die letzte Form des Weltalls nennen, dass man sich dies in der Weise vorzustellen habe, er sei als die Form, die einen Stoff besitzt, die Form dieses Stoffes, so dass Gott die Form eines Körpers wäre. Dies ist keineswegs in diesem Sinne gesagt worden, sondern wie alles Seiende, das eine Form besitzt, das, was es ist, tatsächlich nur durch seine Form ist, und, wenn diese Form zu sein aufhört, auch sein Dasein aufhört und zunichte wird, ist eben dasselbe auch das Verhältnis Gottes zu allen entfernteren Prinzipien der seienden Dinges. Denn in dem Dasein Gottes hat das Dasein von allem seinen Grund, und er ist es, der, wie ich in einigen Kapiteln dieses Buches dar­legen werde, durch das, was man die Emanation nennt, seinen dauernden Bestand bewirkt. Wäre es also möglich, dass Gott zu sein aufhörte, so müsste alles Seiende zu sein aufhören und es müsste das Wesen der entfernteren Ursachen ebenso wie das letzte Verursachte und alles Dazwischenliegende, zunichte werden. Ist dem aber so, so ist Gottes Verhältnis zur Welt ähn­lich dem Verhältnis der Form zu dem Dinge, das die Form hat, durch die es das ist, was es ist, und in der sein Wesen und sein Begriff besteht. Und von diesem Gesichtspunkte aus können wir also von Gott sagen, er ist die letzte Form, die Form aller Formen, nämlich er ist es, aus dem das Dasein jeder Form im Weltall und ihr Fortbestand in letzter Linie beruht und dem es seinen dauernden Bestand zu verdanken hat, so wie die Dinge, die Formen haben, durch ihre Form bestehen. Und deshalb wird Gott in unserer Sprache chej-ha-olamim d. h. das Leben der Welt genannt, was noch erläutert werden soll.

Ebenso verhält es sich auch mit jedem Zwecke. Denn bei jedem Dinge, welches einen Zweck hat, musst du für diesen Zweck einen Zweck suchen. Wenn du z. B. von einem Throne sprichst, so kannst du von diesem sagen: Sein Stoff ist Holz, seine bewirkende Ursache der Schreiner, seine Form ein auf einem so und so beschaffenen Postamente ruhendes Viereck, und sein Zweck ist, darauf zu sitzen. Da musst du aber fragen: Was hat das Sitzen auf dem Thron für einen Zweck? Der dir antwortet, wird dir sagen: Damit der darauf Sitzende einen hohen und erhabenen Platz über dem Erdboden einnehme. Auf die weitere Frage aber: Was für einen Zweck hat die Erhöhung vom Erdboden? wirst du die Antwort erhalten: Damit der darauf Sitzende in den Augen aller, die ihn sehen, verherrlicht werde. Wirst du nun weiter fragen: Zu welchem Zwecke soll er vor allen, die ihn sehen, verherrlicht werden? so wird dir geantwortet werden: Damit man ihn fürchte und scheue. Du wirst aber wieder fragen: Wozu muss er gefürchtet sein? Darauf er­hältst du die Antwort: Um seinem Gebote Achtung zu ver­schaffen. Auf die weitere Frage: Was hat die Achtung vor seinen Geboten für einen Zweck? wird dir die Antwort: Zu verhüten, dass ein Teil der Menschen von dem anderen benach­teiligt werde. Und fragst du wieder: Was für einen Zweck hat es, diese Beschädigung der einen durch die anderen zu ver­hindern? So wird man dir erwidern: Damit ihr Dasein in guter Ordnung erhalten werde. So hat jeder neu entstehende Zweck notwendig immer einen anderen zur Folge, bis die Sache nach einer der Ansichten schließlich, wie gezeigt werden wird, zu dem Willen Gottes schlechthin gelangt, und zuletzt die Ant­wort lauten wird: Weil Gott es so gewollt hat, nach der Ansicht anderer aber, wie ich zeigen werde, zur Entscheidung seiner Weisheit, und die letzte Antwort wird lauten: Weil Gottes Weisheit so entschieden hat. Somit muss die Reihenfolge aller Zwecke diesen beiden Ansichten gemäß schließlich entweder zum Willen oder zur Weisheit Gottes gelangen, hinsichtlich welcher unserer Ansicht nach bewiesen wurde, dass sie das Wesen Gottes sind, und dass sein Wille, seine Absicht und seine Weisheit nicht Dinge außerhalb seines Wesens, nämlich etwas von seinem Wesen Verschiedenes sind. Wenn aber dem so ist, so ist Gott der letzte Zweck aller Dinge, und der Endzweck des Alls ist, Gott in seiner Vollkommenheit möglichst ähnlich zu werden. Dies ist, wie gezeigt werden wird, der Gegenstand seines Willens, der sein Wesen ist. Und in diesem Sinne wird von Gott gesagt, dass er der Zweck der Zwecke ist.

Ich habe dir also gezeigt, in welchem Sinne von Gott gesagt werden kann, er sei die bewirkende Ursache, die Form und der Zweck, und warum man ihn nicht nur den Wirkenden, sondern auch die Ursache nennt. Indessen haben einige Denker unter den Dialektikern einen solchen Grad der Unwissen}leit und der Anmaßung erreicht, dass sie sagen, das Ding, welches Gott ins Dasein gerufen, nämlich die Welt, müsste, wenn es denkbar wäre, dass Gott zu sein aufhörte, nicht notwendig zu sein aufhören; es sei nämlich keine unbedingt notwendige Folge, dass das Be­wirkte aufhöre, wenn derjenige, der es bewirkt hat, nachdem er es bewirkt hat, zu sein aufhört. Das, was sie sagen, wäre wahr, wenn Gott nur die bewirkende Ursache wäre und dieses von ihm bewirkte Ding zur Fortdauer seines Bestandes seiner nicht bedürfte, so wie beim Tode des Schreiners der von ihm ver­fertigte Schrein zu sein nicht aufhört, weil der Schreiner ihm seinen dauernden Fortbestand nicht verliehen hat. Da aber Gott tatsächlich auch die Form der Welt ist, wie wir darlegten, und da er es bewirkt, dass sie immerfort besteht und fortdauert, so ist es undenkbar, dass derjenige, der Bestand und Dauer be­wirkt, aufhören, hingegen dasjenige, dessen Bestand und Dauer bewirkt werden, und das keinen anderen Bestand und keine andere Fortdauer hat als die, die es von Gott empfängt, fort­bestehen könne. Du siehst also, wie groß der Irrtum ist, zu dem sie ihr Ausspruch geführt hat, dass Gott nur der Bewir­kende, nicht aber Zweck und Form sei.

Wort stets mit »Heilige Schrift« (oder«H. Schrift«) übertragen. Im hebräischen Text von Samuel ibn Tibbon ist jedoch an diesen Stellen immer von »Tora« die Rede. Dementsprechend wurde dies hier wieder im ursprünglichen Sinn übertragen.


  1. Dr. Adolf Weiss übersetzte hier mit »Dialektiker«, gemeint sind aber die »Mutakallimun«. Dies meint Anhänger der Kalam, einer islamischen Denkschule, die Wissenschaft und Philosophie mit dem Islam in Einklang bringen wollten. :::↩︎