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Heute ist der

Was ist jüdische Identität?



Einige (satirische) Anmerkungen von Mirjam Lübke

Seit kurzer Zeit hat der jüdische Mensch auf der Suche nach seinen Vorfahren eine neue Möglichkeit der Nachforschung bekommen, nämlich den Test auf jüdische Gene. Man überweist einfach 250 Dollar an das entsprechende Institut, schickt seine Zahnbürste oder eine sonstige aufschlussreiche Probe ein und hat einige Wochen später Gewissheit, ob die eigenen Urahnen dereinst am Berg Sinai gestanden und dort persönlich die Thora empfangen haben oder doch erst später zum Volk Israel dazugestoßen sind. Mit etwas Glück findet sich sogar der Nachweis auf das sagenumwobene Cohen-Gen, sprich der Hinweis darauf, dass Mann/Frau der jüdischen Oberschicht angehört und sich in der messianischen Zeit Hoffnung auf eine gehobene Stellung im Tempel machen darf . Einen Haken hat das Ganze leider: Der Test funktioniert nur auf der väterlichen Seite und ist daher halachisch vollkommen unbrauchbar – nun, vielleicht ist es wenigstens gut für das Ego des Getesteten, Gewissheit über die eigene Herkunft zu haben. 

Kann man Jüdischkeit lernen? Oder liegt sie in der Erziehung oder – wie der obengenannte Test hoffen lässt - gar den Genen? Gibt es so etwas wie eine Checkliste, an der man erkennt, ob jemand jüdisch ist oder nicht?

Der Gedanke daran ist irgendwie unheimlich, vor allem wenn man bedenkt, dass Generationen jüdischer und nichtjüdischer Aufklärer hart daran gearbeitet haben, ihren Kindern und Schülern zu vermitteln, dass es eben diese Kennzeichen des Jüdischseins nicht gäbe, jene Etiketten, die demjenigen angeheftet werden, der angeblich eindeutig jüdisch ist. Woran liegt es also, dass auch wir Juden bei jedem Neuankömmling in der Gemeinde sofort das große Ratespiel beginnen, ist er’s oder ist er’s nicht? Halbseitig jüdisch, falschseitig jüdisch, gar nicht jüdisch oder – pfui – gar wieder so ein Spinner, der zum Judentum übergetreten ist? Wir prüfen Aussehen und Frisur, das Benehmen beim Beten, den Akzent und die Nase mit dem Eifer eines Rassentheoretikers.  Gebürtige Juden und Proselyten stehen sich darin in der Regel gegenseitig nicht nach, denn jeder möchte möglichst jüdisch wirken. Auf die Dauer kann das recht anstrengend werden und manch einer verweigert sich dann diesem Prozess, da er die eigene Individualität auf eine harte Probe stellt und die Nerven ohnehin. Ähnlich muss sich ein Undercover-Agent fühlen, der täglich in der Angst lebt, von seiner Umgebung enttarnt zu werden  Warum aber tun wir ihn uns aber immer wieder an? Legen wir damit vielleicht interne Hierarchien fest?

Robert H. Frank schildert in seinem Buch „Die Vernunft der Gefühle“ das Werbungsverhalten von Erdkröten (lat. bufo bufo), bei denen das am lautesten quakende Männchen die besten Chancen bei den Krötendamen hat. Warum quaken dann aber auch stimmlich eher minder begabte Krötenmännchen? Die Antwort ist ganz einfach: Weil sie die Hoffnung haben, dass es andere Krötenmännchen gibt, die noch unbedeutender sind als sie und sie sich ihre Chance auf ein bisschen persönliches Glück nicht verderben wollen. Ist es bei uns dasselbe? Hoffen wir darauf, dass es immer jemanden gibt, der noch weniger jüdisch ist als wir selbst?  Und – gibt es Möglichkeiten, das eigene Quaken bzw. die eigene Jüdischkeit künstlich zu verstärken?

Es ist nicht verwunderlich, dass sich vor allem die vielgeschmähten Proselyten diese Frage stellen, schließlich stehen sie nach spätentdeckten Juden, die erst im Erwachsenenalter von ihrem Judesein erfahren haben, am ehesten vor der Herausforderung. „Jüdischkeit“ zu demonstrieren, um im Club mitspielen zu dürfen. Stehen keine selbstbewussten jüdischen Freunde als Vorbild zur Verfügung, die ihr Judesein einfach selbstbestimmt und nach bestem Wissen und Gewissen leben, so wird dabei häufig auf durch die Medien vermittelten Klischees zurückgegriffen, auf bestimmte Ver- und Bekleidung, die selbst in Mea Shearim als orthodox durchgehen würde und durch verbale Demonstration, selbstverständlich hat man alle koscheren Restaurants der Bundesrepublik durchprobiert und  spendet regelmäßig an den israelischen Veteranenverein.  Proselyten teilen einander dabei gern in die Kategorien evangelisch (zu liberal, egalitär) oder katholisch (zu orthodox) ein, je nach der Religion, aus welcher der Neuankömmling stammt. Aber sind jüdische Eltern ein Garant dafür, dass der eigene Sprössling eine unzweifelhafte, normbare jüdische Identität entwickelt, die ihm darüber hinaus einen untrüglichen Spürsinn verleiht, was genuin jüdisch ist? 

Jeder hat den Begriff der Jüdischkeit schon einmal gehört, aber genau definieren kann ihn wohl niemand. Gern wird er als Waffe gebraucht, wenn ein Gemeindemitglied durch scheinbar nonkonformes Verhalten auffällt, dann wird ihm oder ihr gern die „Jüdischkeit“ abgesprochen. Genauso beliebt ist es, unliebsames Gedankengut als „nicht-jüdisch“ zu bezeichnen, das ultimative Argument, wenn andere fehlen, etwa wenn Veränderungen in der Gemeinde anstehen. Kurzum, mit der lieben „Jüdischkeit“ können wir Juden uns richtig schön selbst untereinander das Leben zur Hölle machen. Egal ob wir in das Judentum hineingeboren wurden oder uns ihm freiwillig angeschlossen haben. Was aber Jüdischkeit genau ist, weiß niemand, man hat sie oder man hat sie nicht, je nach Blickwinkel des Betrachters.

Im Grunde genommen suchen wir doch nur nach dem uns Vertrauten und der Übereinstimmung mit dem Bild von Judentum, dass wir uns selbst gemacht haben oder uns durch Eltern, Verwandte und Freunde vermittelt wurde. Gerät dieses Bild ins Wanken, dann werden wir unsicher und wollen dagegen protestieren. Mit dem Verstand lässt sich das oft nicht erfassen, auch mit halachischen Argumenten nicht. Verhalten, das uns nicht vertraut ist, sei es nun zu orthodox, zu liberal oder einfach nicht wie daheim, löst einen Abwehrreflex aus und die Versuchung ist groß, das ultimative Argument anzuwenden. Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass es nun mal in Deutschland eine bunt gemischte jüdische Gesellschaft gibt, Juden aus Israel, Polen, Ungarn oder auch aus anderen Teilen der Welt, die alle ihre Bräuche und Ideen mitgebracht haben. Oder aber auch Deutsche, die sich dem Judentum aus mehr oder weniger nachvollziehbaren Gründen angeschlossen haben. Eine koschere „Leitkultur“ gibt es zum Glück nicht, denn so wächst die Chance, nicht in eingefahrenen Strukturen verharren zu müssen.  Eine einheitliche jüdische Identität erwächst daraus aber nicht, auch wenn wir verzweifelt danach suchen, um uns ihr anzunähern.

„Heimischkeit“, der Begriff, mit dem meist kulinarische Genüsse aus Osteuropa angepriesen werden, wären doch im Grunde ein weitaus netteres Wort. Sich in der Gemeinde heimisch fühlen, das sollte das Ziel sein. Einfach jüdisch sein, wie es das eigene Gefühl eingibt....

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