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Die Autobiographie des Lazarus Goldschmidt — den Übersetzer übersetzen

Lazarus Goldschmidt, der Übersetzer des Talmud, hat sein Wirken in einer Autobiographie beschrieben. Er verfasste diese auf Deutsch in London 1950, im letzten Jahr seines Lebens. Das verschollene Manuskript wurde auf Englisch übersetzt und nach Israel gebracht, wo es 1960 in einer hebräischen Übersetzung erschienen ist. Ich habe versucht die hebräische Übersetzung dieser Autobiographie zurück ins Deutsche zu übersetzten. Soweit es ging, wurden Zitate aus deutschsprachigen Quellen verlinkt, oder nach Originalvorlage wieder eingefügt. So erhalten wir ein etwas vollständigeres Bild seiner Lebensleistung.

Bild von Lazarus Goldschmidt
Elieser (Lazarus) Goldschmidt

Am Ende des letzten Jahrhunderts, zwischen den Jahren 1892-1895, tobte in Deutschland eine ungewöhnliche Welle von Hasspropaganda gegen den Talmud und gegen die Juden. An der Hetze beteiligte sich nicht nur das offizielle antisemitische Blatt „Staatsbürger Zeitung“, sondern auch alle konservativen Zeitungen. Sie rissen Talmudstellen aus dem Zusammenhang, teilweise fotografiert, um bei den Lesern den Eindruck zu erwecken, der Talmud sei nicht mehr und nicht weniger als die Ausgeburt des Satans. Der Vorwurf lautete nicht nur, der Talmud sei eine Beleidigung des Christentums und seiner Gründer, sondern beinhalte auch grausame Gesetze gegen alle Religionen, außer gegen das Judentum selbst. Es wurde eine populäre und preiswerte Ausgabe von Eisenmengers „Entdecktes Judentum“ publiziert, unter Weglassung der hebräischen Zitate. Das Buch wurde in dieser Form veröffentlicht, um in der Masse des Volkes etwas zu bewirken, und das, obwohl der berühmte Jurist, Ave Lallemant, viele Jahre zuvor das Buch als ein „schmähliches, verlogenes Pasquill auf das Judentum und ein Werk übler, eitler und bornierter Gelehrsamkeit“ bezeichnet hatte.

Etwa zur gleichen Zeit spielte sich die glorreiche Angelegenheit des Paul Meier ab. Paul Meier, dieser finstere Konvertit zweifelhafter Vergangenheit, arbeitete zunächst für die „Judenmission“ in Berlin, wurde aber später von dem antisemitischen Lager gekauft. Er bezeugte vor einem Gericht in Leipzig, er habe in seiner polnischen Heimatstadt mit eigenen Augen gesehen, wie Juden einen christlichen Knaben in der Synagoge geschlachtet hätten, um sein Blut an Pessach zu verwenden. Dank der Arbeit des österreichischen Parlamentariers Dr. Joseph Samuel Bloch aus Wien, wurde er der Lüge überführt und für seine Falschaussage verurteilt, worauf er aus dem Blickfeld verschwand, um seiner schweren Strafe zu entgehen.

Die gesamte jüdische Presse schaltete sich ein, um auf diese Anschuldigungen zu antworten und erklärte, dass es keine Erwähnung solcher Passagen im Talmud gibt. Die Antisemiten entgegneten, wenn diese Stellen nicht in den neuen Talmud-Ausgaben zu finden seien, so wären sie in alten Ausgaben zu finden. Die Juden wissen und kennen sie, aber sie hielten sie bei sich versteckt und verborgen. Im Reichstag wurde sogar die Forderung gehört, den Talmud im Auftrag des Staates zu übersetzen. Als dieser Antrag abgelehnt wurde, versuchten die Antisemiten eine Übersetzung vorzubereiten, die von dem berüchtigten Konvertiten Aron Briman anfertigt werden sollte. Jener ließ sich in Paderborn nieder, veröffentlichte eine Schmähschrift „Der Judenspiegel“, die er mit dem Namen Dr. Justus unterzeichnete. Jedoch wurde er wegen verschiedener Straftaten zur Gefängnisstrafen verurteilt und aus Deutschland und Österreich ausgewiesen.

Während meines Aufenthalts im Jahre 1895 in Leipzig, dem eigentlichen Zentrum des Antisemitismus, kamen zu mir mehrere Freunde, unter ihnen meine christliche Vermieterin. Sie unterbreiteten mir den Vorschlag, den Talmud ins Deutsche zu übersetzen, denn ich hatte in meiner Jugend an einer der berühmten Jeschiwot in Litauen studiert und war als ein Kenner des Talmud bekannt. Bei meiner Rückkehr nach Berlin habe ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen. Nachdem ich mich dafür entschieden hatte, beschloss ich, mehr als das zu tun: Nämlich nach der frühesten unzensierten Fassung zu übersetzen, da diese Fassung all die verschmähten Dinge enthielt. Ich beschloss, auch Textvarianten unterschiedlicher Manuskripte und Texte beizufügen.

Ich wandte mich an den großen Verleger, Trovitzsch & Sohn, der einen jüdischen Drucker hatte und bot ihm an, die Herausgabe auf mich zu nehmen. Ich wollte nicht in die Lage gedrängt werden, an den Türen von Vereinen und bei Einzelpersonen zu hofieren und um Mittel für das Werk zu bitten, wie es bei Autoren von großen Werken dieser Art üblich ist. Dies war das Los z.B. von Kohut, dem Autor des „Aruch Haschalem“ oder der englischen Übersetzung des Talmud, die von der Soncino Press herausgegeben wurde. Aber es waren andere Umstände, die mich zu dieser Entscheidung veranlassten.

Bis zu jenem Zeitpunkt beschäftigte ich mich hauptsächlich mit der äthiopischen Literatur und stand im Briefwechsel mit allen Experten dieser Sprache, mit den Italienern und sogar mit Dabtira, dem kirchlichen Oberhaupt Äthiopiens. Ich bereitete mich darauf vor, nach Äthiopien zu reisen; als Angestellter des italienischen Staatsdienstes, was mir die Möglichkeit eröffnet hätte, meine äthiopischen Studien zu vertiefen. Ich hatte überhaupt nicht die Absicht, die Falaschen als einen besonderen jüdischen Stamm zu behandeln, obwohl ich von dem bekannten jüdischen Forscher, Dr. Abraham Harkavy aus St. Petersburg, gebeten wurde, die Geschichte der Falaschen zu verfassen. Und genau in diesen Tagen brach bei Adua der Krieg aus, als an der Spitze der Äthiopier Menelik II stand. Die Italiener erlitten eine schwere Niederlage und waren gezwungen, Äthiopien zu verlassen. Damals strebte ich nach Ansehen und mein starker Ehrgeiz war es, etwas Außergewöhnliches zu schaffen.

Danach wandte ich mich an einen anderen großen Verlag, S. Calvary & Co, aber selbst in ihren Augen schien das Unternehmen hochriskant zu sein. Die Übersetzung durfte nicht allein, sondern musste zusammen mit der Quelle besorgt werden. Die Textvarianten, die Fußnoten, und die Randnotizen müssen natürlich in vom Text verschiedenen Lettern erfolgen und auch untereinander variieren. Von Pica bis Nonpareille. Im Ergebnis hätte das Layout mehr gekostet als das Setzen.

Die einzige Druckerei in Berlin, die Kompetenz hatte, solch ein Werk zu veröffentlichen, war die von Zvi Hirsch Itzkowski. Jedoch er selbst war nicht die richtige Person, um mein Vorhaben auszuführen. Erstens hatte er keine Plantin-Lettern, die ich mochte; zweitens war ich überzeugt, dass er das das Werk zu meinen Lebzeiten nicht vollenden würde. Vor zwanzig Jahren machte er sich an die Arbeit, die Mischna mit deutscher Übersetzung zu drucken, und obwohl vier Personen damit beschäftigt waren, ist bis heute nicht einmal ein Drittel des Werkes fertig geworden. Um eine Vorstellung von dem finanziellen Aufwand zu bekommen, trat Calvary & Co. an Itzkowski heran und bat um ein Angebot. Sie hatten auf ein Angebot innerhalb von zwei oder drei Wochen gehofft, aber es waren mehr als sechs Monate vergangen. Ich teilte sofort mit, dass ich mich in dieser Druckerei nicht wohl fühle und schlug vor, das Werk auf dem kostengünstigsten Weg zu veröffentlichen.

Ich wohnte damals in Charlottenburg und in meiner Nachbarschaft gab es eine große Druckerei der Charlottenburger Zeitung; das Einzige, was sie tun mussten, war, hebräische Lettern zu besorgen. Alle anderen Gerätschaften, die für den Satz der lateinischen Lettern benötigt werden, waren vorhanden. In dieser Situation hätte die Druckerei den Druck übernehmen können. Das letzte, was benötigt wurde, war ein jüdischer Setzer. Zunächst aber wurde der hebräische Text von einem christlichen Arbeiter gesetzt. Die vielen Fehler waren nicht von der Art, dass sie nicht durch Korrektur behoben werden konnten. Die Schwierigkeiten tauchten jedoch auf, als es dazu kam, den Quellentext, die Übersetzung, die deutschen und hebräischen Fußnoten zu setzen, da der Arbeiter den Text nicht verstand. Nur ich allein konnte es machen und es hat mich sehr viel Zeit gekostet. Nach kurzer Zeit bestellte ich einen jüdischen Arbeiter aus Galizien. Er hatte bereits den deutschen Teil, den Text und alle Fußnoten vor sich liegen und er wurde damit beauftragt, den hebräischen Teil zu ordnen und zu setzen. Um das Korrekturlesen zu erleichtern, lernte ich selbst die Technik des Setzens und die damit verbundenen Fachbegriffe. So wurde ich auch zum Setzer der ersten Mischna.

Das Erscheinen des ersten Probeheftes, das zehn Seiten umfasste, verursachte viel Lärm, da ich meinerseits noch mit niemandem über Werk und Verlag gesprochen hatte. Auch hatte ich nichts, wie es damals üblich war, im Börsenblatt unter der Rubrik „Deutscher Buchmarkt“ über das Werk veröffentlicht. Es traten viele Gegner gegen mich auf und viele Leute wurden eifersüchtig; in manchen Kreisen berief man sich mit Argwohn auf das bloße Phänomen, dass ein junger Mann in seinen Zwanzigern an so eine große Tat herantritt und nicht erst mit anderen darüber spricht, und zudem sei der Talmud Eigentum des orthodoxen Judentum. Das Rabbiner-Seminar zu Berlin war mir gegenüber schon vorher feindselig eingestellt, weil ich in einem meiner Aufsätze gewisse kritische Bemerkungen über R. Ezriel Hildesheimer machte und seine Ausgabe der „Hilchot Gedolot“ verspottete. Die erste Person, die scharfe Worte gegen mich veröffentlichte, war der Talmud-Gelehrte R. Dr. David Zwi Hoffmann, und ich antwortete ihm in einem Sonderheft. Der fleißige Schriftsteller Simon Bernfeld schrieb, dies sei das erste und das letzte Probeheft der Übersetzung. Aber er selbst äußerte sich in Anwesenheit seines Herausgebers, dass er neidisch auf mich sei, weil er keinen Verleger für seine Bibelübersetzung finden konnte, und mir gelang dies für ein so gewaltiges Werk. Welche Neuerung in seiner Übersetzung steckt, habe ich aufgezeigt in meinem Heft „Philister über dich!“, Seite 7, Anmerkung 5.

Hier ist eines von vielen Beispielen für den Wert solcher literarischen Kritiker: Nach einer Weile bat der Verleger darum, ein Heft zur Veröffentlichung der Talmudübersetzung herauszugeben. Natürlich konnte ich dieses Heft nicht schreiben und er frage mich, wen ich empfehlen würde. Ich nannte den Namen von Simon Bernfeld. Höchst erstaunt fragte er: „Wissen Sie nicht, dass Dr. Bernfeld Ihr größter Gegner und Feind ist?“. Ich antwortete, dass er für Geld alles schreiben würde, was von ihm verlangte. Und in der Tat, das 1900 in Berlin erschienene Büchlein „Der Talmud“ von Simon Bernfeld, lobte auf Seite 116 mein Werk und endet mit den Worten: „Dieses Unternehmen schreitet rüstig seiner Vollendung entgegen. Auch in der äußeren Ausstattung und Korrektheit wird diese Ausgabe alle früheren bei weitem übertreffen“.

Die antisemitische Presse war erzürnt. Die Staatsbürger Zeitung enthielt die Behauptungen, dass meine Übersetzung nicht wirklich auf der ersten Originalausgabe beruht und dass das ganze Unternehmen nichts als ein Schwindel sei. Der Name des Autors sei gar nicht Lazarus Goldschmidt, sondern Eliezer ben Gabriel. Wie sich später vor Gericht herausstellte, stammt der Artikel von dem berühmten Erich Bischof. Während der Hetzkampagne gegen die Juden unter Hitler war er Streichers wichtigster Stofflieferant.

Viele Gelehrte, berühmte Juristen und Theologen lobten die Ausgabe und die Übersetzung. Damals war unter den regelmäßigen Gästen der Familie Calvary die berühmte Autorin und Künstlerin Elsa von Schabelski. Sie schreib einen großen Artikel über mich und mein Werk in der größten russischen Zeitung Novaya Vremya, bei der sie als Reporterin arbeitete. Sie war mit dem bedeutenden politischen Schriftsteller Maximilian Harden befreundet, der einer von Bismarcks Vertrauten war. Und Harden veröffentlichte den folgenden Artikel in „Die Zukunft“ (Jahrgang 7, Seite 29):

Der Talmud.

In dunkler, nur von irren Flämmchen bisher erhellter Winkel der Geisteswelt soll den Blicken des Abendlandes endlich nun entdeckt werden: der Talmud von Babylon erscheint deutsch in Lieferungen bei S. Calvary & Co. in Berlin. Die erste Lieferung ist schon erschienen und der Laie, der den Wert der Übersetzung freilich nicht kontrollieren kann, darf doch anerkennen, dass er eine offenbar nicht verstümmelte, mit wissenschaftlicher Objektivität besorgte Ausgabe vor sich hat. Der hebräische und der deutsche Text sind einander gegenübergestellt, die von der jüdischen und christlichen Zensur beseitigten Teile sind wieder aufgenommen und die technische Ausstattung läßt keinen Wunsch nach Klarheit und Übersichtlichkeit unbefriedigt. Wir werden also in ein paar Jahren — denn das Werk wird ungefähr achtzig Lieferungen umfassen — eine vollständige und unparteiische deutsche Ausgabe des babylonischen Talmuds haben, wenn dem Herausgeber nicht, wie seinen Vorgängern, bei der unsäglich mühsamen Arbeit die Kraft erlahmt. Er heißt Lazarus Goldschmidt, ist ein russischer Jude und hat bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre nichts anderes gekannt als die Sprache und den Gedankenkreis der Talmudwelt, die noch heute den östlichen, abgeschlossen lebenden Juden die einzige Zerstreuung und den einzigen Anlaß zu spitzfindigen Forschungen bietet. Der junge Herr Goldschmidt; er hat sich aus Rußland aufgemacht, ist zu Fuß nach Berlin gekommen, hat hier, wo deutsche Gelehrte ihn freundlich unterstützten, mit zähem Eifer die deutsche Sprache gelernt, seine Studien fortgesetzt und, oft genug wohl hungernd und frierend, nicht eher geruht, als bis er für das Werk seiner Träume einen Verleger gefunden hatte. Jetzt sitzt er in Charlottenburg, arbeitet täglich seine fünfzehn Stunden und will, je nachdem es die einzelnen Bände des Talmuds verlangen, nach der Theologie auch noch die alte Philosophie, Jurisprudenz und Astronomie studieren. Ein bisschen Ehrgeiz, den man minder wohlwollend, ja auch Eitelkeit nennen kann, ist dabei gewiß im Spiel; jedenfalls aber gehört Herr Goldschmidt zu den besonderen Söhnen Sems, die, wie Marx, eine außerordentliche Geringschätzung irdischer Güter mit einem scharfen, bohrsüchtigen Verstand und mit zähestem Fleiß verbinden. Und ein solcher Mensch, ein auf der Sonnenseite des jüdischen Geistes gezeugter, war nötig, um uns das Werk zugänglich zu machen, das in der Zurückgezogenheit, in dem vergeistigten, zwischen der Familie und der Synagoge sich abspielenden Leben der Judenheit einst entstand. Eine düstere Welt wird sich unseren Blicken da auftun, ein lastendes Gebäude, das, nach Renans Wort, aus Pedanterie, kläglicher Kasuistik und religiösem Formalismus gefügt worden ist und das nach den griechischen Disziplinen, der Quelle aller klassischen Kultur, keinen erhellenden Ausgang öffnet. Aber nicht der Jurist nur wird hier eine Fülle ungehobener Schätze finden: jeder gläubige Christ wird, wenn er die in der Zeit der schwersten Kämpfe zwischen Christen und Juden entstandenen kabbalistischen Spekulationen unbefangen und ohne Ärgernis prüft, in diesem Denkmal des gesetzgläubigen Thorafetischdienstes einen Wegweiser ins dunkle Land der kleinen Rasse erkennen, die, zum Guten und Schlimmen, in der Geschichte der Menschheit eine so ungeheure Rolle gespielt hat und immer noch spielt. Deshalb dürfen auch fromme Christen der Entdeckereise in das Ghetto des jüdischen Geistes fröhlichen Fortgang wünschen.

Ein eifriger Unterstützter und Anhänger meiner Arbeit fand ich in der Person von Baron Reuter in London, dem Gründer der berühmten Agentur Reuters. Er war nicht nur einer der ersten Subskribenten, sondern schrieb auch einen begeisterten Brief an meine Verleger und ermutigte sie, das Werk zu vollenden. Als ich nach einiger Zeit London besuchte, war ich überrascht, dass nicht nur die öffentlichen Bibliotheken der Stadt, abgesehen von dem Jews College, sondern auch viele Privatpersonen an dieser Ausgabe interessiert waren und sie benutzten. Als mich Dr. Christian David Ginzburg in Berlin besuchte — ich war damals ein junger Mann und er bereits fünfundsiebzig — erzählte er mir, dass er meine Talmudausgabe subskribiert hatte und so begeistert davon war, dass er mich einlud, einen Monat lang sein Gast in London zu sein und als Zeichen seiner Anerkennung schenkte er mir sein großes Werk „Die Massorah“, welches in seiner Vollständigkeit auf dem Markt bereits vergriffen war, ebenso wie andere wichtige Werke von ihm. Er war ein Freund von Gladstone und als ich in den Gladstone Club gebracht wurde, wurden meine Errungenschaften mit solch wunderbaren Worten präsentiert, dass ich von allen Seiten angestarrt wurde wie ein Wunderwerk. Ebenso bei meiner ersten Begegnung mit dem Oberrabbiner, Dr. Joseph Hertz, im Zug zwischen London und Cambridge. Er sagte er mir, er sei einer der ersten Subskribenten und dass meine Ausgabe für ihn so hilfreich und so wichtig sei, dass er sie in vierundzwanzig prächtige Bände gebunden habe.

1912 gab es eine ernsthafte Störung. Erstens ist dies das Jahr, in dem ich das Hamburger Manuskript zum Druck fertig gestellt hatte, welches das älteste und genaueste Manuskript des Talmud ist. Aber als ich fertig wurde, brach der erste Weltkrieg aus, der die Arbeit stoppte. Obendrein fiel ich ins Bett wegen eines schweren Typhus. Während des Krieges widmete ich mich anderen literarischen Unternehmungen, u.a. einer Neuübersetzung des Koran, nach der Ausgabe von Fligel. Der weltweit bekannte Jurist, Joseph Koehler, schrieb über die Übersetzung (Der Tag, Berlin 1917, Nr. 66), dass sie tief in den östlichen Geist eindrang und die ganze Ausdrucksweise von einer Nähe zum poetischen arabischen Text zeugte und dass die Übersetzung ein getreues Echo der Offenbarung, der Leidenschaft und der Ehrfurcht vermittelte. Neben anderen Aufsätzen beschäftigte ich mich auch mit der Neuübersetzung der Bibel in eine gehobene und elegante Sprache, die auch bei der konservativen Presse hoch angesehen war (Jeschurun 1928, Seite 367).

Zu dieser Zeit waren Druckarbeiten in Deutschland extrem teuer und meine Verleger arbeiteten ohne finanzielle Unterstützung. Trotzdem erschien um 1920 eine zweite Auflage, die erweitert wurde und natürlich waren die damit verbundenen Ausgaben größer. Ich war überrascht, als der Verlag eines Tages mit dem Vorschlag an mich herantrat, weitere 5000 Exemplare meiner Übersetzung zu veröffentlichen, allerdings ohne den Originaltext. Ich glaubte nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, eine so große Menge zu verkaufen. Das war für mich undenkbar. Aber der Verlag war seinerseits bereit, es auf sich zu nehmen und hat mir sogar eine beträchtliche Summe ausgezahlt. Die Summe von 60.000 Goldmark war zur jener Zeit sehr hoch als Gegenleistung für das Recht zum Nachdruck der Übersetzung aus dem Gesamtwerk. Ich wurde nicht einmal gebeten, etwas zu ändern, sondern nur eine letzte Korrektur zu lesen. Ich selbst aber habe aus Gewissensbissen die Übersetzung gründlich überprüft, in den ersten drei Bänden viele Korrekturen vorgenommen und die in diesen Bänden recht kurzen Anmerkungen erweitert. Allein vom ersten Band wurden sofort 3.500 Exemplare verkauft. Danach erhöhte der Verlag mit einer Zuzahlung die Auflage auf 6.500 Exemplare. Die gesamte Übersetzung erschien in zwölf Bänden und ich erhielt mein Honorar immer sofort nach Erscheinen eines jeden Bandes, obwohl dies in Deutschland für diese Art von Arbeit nicht üblich war. Meine Anhänger und Bewunderer haben sich von Tag zu Tag vervielfacht und bis heute habe ich begeisterte Rezensionen in verschiedenen Zeitschriften. Mein sechzigster Geburtstag wurde in Berlin in nie dagewesenem Glanz gefeiert. Obwohl die zionistischen Vertreter der jüdischen Gemeinde in Berlin behaupteten, es sei nicht mein sechzigster, sondern der siebzigste Geburtstag, fand sie kein offenes Ohr. Ich erfuhr, dass sich anläßlich meines Geburtstages verschiedene Delegationen anschickten, mich zu besuchen, um ihre Grüße zu überbringen. Dies war jedoch nicht nach meinem Geschmack und ich verließ Berlin für ein paar Tage, während ich in Hamburg ein paar Geschäfte machte. Aber nach meiner Rückkehr kamen viele Menschen, um mich zu grüßen. Da ich in vielen Kreisen verkehrte, darunter konservative Rabbiner, Freidenker, moderne Schriftsteller und Künstler, wurde die Feier auf drei Tage festgelegt. Das amtliche Gemeindeblatt Januar 1932 veröffentliche Folgendes:

Die Verkündigung der „mündlichen Lehre“ in fremder Zunge Ist das Werk eines Einzelnen. Lazarus Goldschmidt hat den babylonischen Talmud von Anfang bis zu Ende ins Deutsche übertragen und damit ein Werk geschaffen, das seinem Namen für die Dauer der Zeiten Bedeutung verleihen wird. Wir leben in keiner mythenbildenden Zeit, und dennoch erscheint es auch heute noch vielen als etwas Unglaubliches, daß ein Einzelner dieses Werk vollenden konnte. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den babylonischen Talmud in andere Sprachen zu übersetzen. Alle diese Versuche legen Zeugnis ab von der einzigartigen Bedeutung des Werkes von Lazarus Goldschmidt. Als Nikolaus I., der seinen jüdischen Untertanen die Wege zur Aufklärung, bzw. Bekehrung ebnen wollte, einen Preis von 50.000 Rubel für eine französische Talmudübersetzung aussetzte, unternahm der Pater Kiarini den mißglückten Versuch einer französischen Übersetzung des Traktats „Berachoth“. Auf die gleiche Anregung hin lieferte ein Berliner jüdischer Gelehrter, Efraim Pinner, eine deutsche Ausgabe des gleichen Traktats, eine Arbeit, die den Verfasser dreißig Jahre in Anspruch nahm (obgleich fast sämtliche Fürsten Europas hilfreiche Hand boten; Nikolaus I. selbst bezahlte hundert Exemplare). Die Voraussetzung für die Übersetzung war die Schaffung eines kritischen Textes, auch das ist Goldschmidt in meisterhafter Weise gelungen. Es war, wie er selbst oft erzählt, eine noch schwerere Aufgabe als die Übersetzung selbst. Die Geschichte des Talmudtextes, die er in seiner Einleitung zu seiner Talmud-Übersetzung mit wenigen Strichen darstellt, gibt Kunde von den Schwierigkeiten, die er bei der Schaffung des kritischen Textes zu überwinden hatte. Diese umfassende lückenlose Wiederherstellung des Talmuds bietet nicht nur uns Juden, sondern auch der Umwelt ein getreues Spiegelbild des geistigen Judentums und der jüdischen Volksseele. Das Fehlen einer vollständigen Talmud-Übersetzung ist seit Jahrhunderten sowohl von Gelehrten als auch von Laien als eine große Lücke in der Wissenschaft empfunden worden. Als Papst Clemens V., der über den Talmud das Verdammungsurteil aussprechen sollte, etwas Näheres über dessen als Ausgeburt der Hölle verschrieenen Inhalt erfahren wollte, fand er unter der christlichen Gelehrtenwelt seinerzeit niemand, der ihm darüber etwas hätte sagen können. Er machte daher den Vorschlag, daß an verschiedenen Universitäten Lehrstühle für Hebräisch. Chaldäisch und andere Hilfswissenschaften des Talmuds errichtet werden sollten, damit eine Übersetzung dieses Monumentalwerkes möglich sei. Auch Johannes Reuchlin verlangte, daß Lehrstühle an den deutschen Universitäten für die Wissenschaft des Talmuds geschaffen werden sollten, „denn der Talmud, dieser stolze Hirsch mit 7 Enden, sei nicht dazu da, daß jedermann mit ungewaschenen Füßen darüber Lauf und sag, er kinds auch.“ Weltliche und kirchliche Mächte haben ein Jahrtausend lang miteinander gewetteifert, den Talmud aus der Welt zu schaffen. Man hat ihm Scheiterhaufen errichtet, damit er für immer der Vergessenheit anheimfalle. Aber niemand wußte, was der Talmud eigentlich enthält, denn es bestand keine Möglichkeit, mittels einer Übersetzung seinen Inhalt und sein Wissen zu erforschen. Nun ist es anders geworden. Auch diejenigen, die wenig oder gar keine Kenntnisse des Hebräischen und Aramäischen besitzen, sind in der Lage, sich in die talmudische Weisheit zu versenken. Eine Reihe von Gelehrtenarbeiten über den Talmud sind unter Zugrundelegung der Goldschmidtschen Übersetzung entstanden. Wilhelm Ebsteins Buch über die Medizin im Neuen Testament und im Talmud und Josef Kohler’s Darstellung des talmudischen Rechts gehen in ihren Darlegungen auf Goldschmidts Talmudübersetzung als Quelle zurück. Seit zwei Jahren ist eine handliche Ausgabe der Übersetzung ohne Abdruck des Textes Im Erscheinen begriffen. Die Hälfte liegt bereits gedruckt vor. Nun können auch weite Kreise dieses eigenartigste aller Bücher lesen. Kaum hat vor ihm irgendeiner jemals den Talmud mit wenig Worten so treffend charakterisiert, wie es Goldschmidt in seiner Einleitung zur handlichen Ausgabe gelungen ist. Es heißt dort: „Nicht ein Corpus iuris sollte es sein, kein Leitfaden des kanonischen und bürgerlichen Rechts, wie einst Tora und Mischna, ein Stenogramm vielmehr, das die gesamte Disputation des Lehrhauses getreulich registriert, wie die Worte aus des Meisters Munde geflossen. Kein System, keine Methode: ein Durcheinander von Lehren und Belehrungen, Sprüchen und Sentenzen. Schnurren und Anekdoten. Neben einer haarspaltigen Deduktion eine Fabel, eine harmlose Zote an eine Rechtsfrage anschließend. Scholastische Hermeneutik und metaphysische Spekulation durcheinandergemengt der historische Bericht mit der Himmelskunde. Wie die Materie, so auch die Sprache: ein Gewirr verschiedener Zungen, ein Jargon ohne Zügel.“

Goldschmidts Leistung wird noch bewundernswerter, wenn man an den Weg denkt, den er gegangen. Früh vom Ernst des Lebens gehärtet, durch viel entsagungsreiche Arbeit hindurchgegangen, kommt er aus einem kurländischen Städtchen nach Berlin, um hier semitische Philologie zu studieren. Nachdem er einige wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht hat (Henoch, Berlin 1892, Bibliotheca Aothiopica, Berlin 1893, „Maaße bereschith“, Charlottenburg 1891, „Das Buch der Schöpfung“, Frankfurt a. M. 1897), beginnt er 25 Jahre alt seine Talmud-Übersetzung. Kein Mäzen hat für seine Arbeit Interesse, keine Organisation, die die Pflege jüdischer Wissenschaft sich zur Aufgabe gemacht hatte, hat sich seiner angenommen (die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums existierte damals noch nicht). Niemand hatte Verständnis für sein Unternehmen, und dennoch wußte er sich durchzusetzen. Er geht unbeirrt seinen Weg, steigend von Stufe zu Stufe in der Anerkennung von namhaften Gelehrten. Über ein Menschenalter hat er vom frühesten Morgen bis in die Nacht hinein gearbeitet im Dienste der jüdischen Wissenschaft. In Einfachheit und Schlichtheit ist er seinen Weg gegangen. Scharf im Urteil, voll heftigen Zornes gegen alles Scheinwissen, ausgerüstet mit einem unabhängigen freien Sinn und darum frei von jeder Amtsbürde hat er eine Lebensarbeit geleitet, wie sie wohl einzig dastehen dürfte. Aus der Fülle seiner wissenschaftlichen Arbeiten möge vor allen Dingen noch erwähnt werden, daß er auch den Koran ins Deutsche übertragen hat, und daß wir ihm eine ausgezeichnete Bibelübersetzung zu verdanken haben, von der noch der letzte Teil fehlt. Im Talmud (Sabbat 88b) lesen wir das Wort: „Am Berge Sinai teilte sich jedes einzelne Wort der göttlichen Offenbarung und wurde in den siebzig Sprachen der Welt vernehmbar.“

Und nach einem anderen Ausspruche des Talmuds (Sota 33 a. Mischna Sota VII 5) war auf dem durch Josua nach der Eroberung des heiligen Landes errichteten Altare die Tora in allen siebzig Sprachen zu lesen. In verschiedener Form kommt hier derselbe Gedanke zum Ausdruck. Deutlich wird hier die Idee zum Ausdruck gebracht, daß Israels Lehre von vornherein für alle Menschen bestimmt war, daß die Wirkung des heiligen Schrifttums nicht an dessen Sprache geknüpft war, also von vornherein die Bestimmung hatte, sich jedem Volke in seiner eigenen Sprache verständlich zu machen. Was in den vorstehenden Aussprüchen vielleicht nur bildlich gemeint war, ist von der Wirklichkeit weil überholt worden. Hier wird nur von siebzig Sprachen geredet, entsprechend der traditionellen Anzahl der Völker der Erde. Heute zählt man bereits 300 Sprachen auf, in denen unsere Bibel ganz oder teilweise vorhanden ist. Was für die „schriftliche Lehre“ in Erfüllung gegangen ist, ihre Verbreitung über die ganze Erde, wird sich auch für unsere „mündliche Lehre“ erfüllen. Lazarus Goldschmidt hat den Talmud in die Kultursprache übersetzt, in der die Wissenschaft vom Judentum ihren ersten und tiefsten Ausdruck gefunden hat. Es ist kein Zweifel, daß Goldschmidt deutsche Talmud-Übersetzung das Vorbild sein wird für Talmud-Übersetzungen in andere Kultursprachen und so dazu beitragen wird, daß auch Israels „mündliche Lehre“ ein Licht für die Völker der Erde sein wird.

Am 17. Dezember d. J. vollendete Lazarus Goldschmidt sein sechzigstes Lebensjahr. Er kann auf eine wissenschaftliche Laufbahn zurückblicken, auf die er und mit ihm wir alle stolz sein können. Wir wünschen ihm, daß es ihm weiterhin vergönnt sein möge, in geistiger Vollkraft noch Großes und Fruchtbares zu schaffen. Goethe sagt einmal: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle.“ Mag die Jugend ihm vieles versagt haben, so hat ihm doch das Alter vieles gebracht, auch das, was er nicht erstrebt hat, Ehre und Anerkennung.

Wie ich bereits erwähnt habe, war meine Beziehung zum orthodoxen Judentum nicht die beste. Im Gegensatz zu anderen jungen Leuten, die aus dem Osten kamen, habe ich mich weder an der Hochschule noch am Rabbiner-Seminar eingeschrieben und mich mit vielen Mitgliedern dieser beiden Institutionen gestritten. Dennoch erhielt ich sowohl von den orthodoxen Vertretern als auch vom Rabbiner-Seminar zu Berlin Glückwünsche:

Wir haben erfahren, dass Sie am 17. des Monats Ihren sechzigsten Geburtstag feiern werden. Wir nehmen uns die Erlaubnis, Ihnen hiermit unsere besten Wünsche für diesen Feiertag zu übermitteln. Mit einem bedeutenden Teil Ihres Lebens haben Sie sich der Pflege der Weisheit Israels verschrieben und insbesondere auf dem Gebiet der talmudischen Forschung haben Sie große Leistungen erbracht. Ihre Übersetzung des Talmuds die dieses gewaltige Werk erstmals in eine Fremdsprache gebracht hat, hat ihren rechtmäßigen Platz in der Weltliteratur eingenommen, und dank ihr haben Sie sich einen festen Platz und Ehre in der Welt der Wissenschaft des Judentums gesichert. Mögen Sie Ihr Werk auch in den nächsten Jahrzehnten unermüdlich zu Ihrem Wohle fortsetzen. In Anerkennung:

Das Kuratorium des Rabbiner-Seminars zu Berlin
Dr. Meir Hildesheimer, Felix Struck.

Im Jahr 1935 fand ich in New York viele jüdische Gelehrte, die meinen Namen kannten und meine Arbeit schätzten. Ich wurde mit der Teilnahme vieler jüdischer Gelehrter und Schriftsteller aus New York begrüßt, mit Ausnahme einiger aus dem Rabbiner-Seminar von Schächter. Viele der Anwesenden waren schon einmal in Deutschland gewesen und jeder kannte meinen Namen. Die Feier war ungewöhnlich erhebend. Dort traf ich auch einen Jugendfreund, Israel Davidson, dessen Name mir aus der Literatur bekannt war, aber niemals im Leben hätte ich ihn in Verbindung gebracht mit „der Bachur Alter aus Ausschwitz“ aus Horadna. Und wie ich, erkannte auch er mich früher nicht, sondern unter dem Spitznamen „Der Grabiner“ und ebenso kannte er den Namen Lazarus Goldschmidt aus der Literatur. Er war überrascht, als ich ihm seinen ersten Brief aus New York (ca. 1886) mündlich vorlas. Leider währte die erneuerte Freundschaft nicht lange, nach einigen Briefwechseln kam die Nachricht vom Tod dieses hochbegabten Mannes.

Hier muss ich auch den höchst begabten und wortgewandten Schriftsteller, Dr. Melamed, erwähnen, der vor langer Zeit in Deutschland lebte und meinen Namen und meine Aktivitäten dort kannte. Leider verließ er die Welt vor ein paar Jahren in einem recht jungen Alter.

Amerika ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten und es geschehen dort Wunder, von denen man die Bedeutung nicht kennt. Während meines Studiums an der Jeschiwa in Slobodka hörte ich, wie sich die Leute mit jemandem namens Lewke Neustädter unterhielten. Er war ein paar Jahre älter als ich, da ich einer der Jüngeren war. Ich studierte an der Jeschiwa vom dreizehnten oder vierzehnten bis zum achtzehnten Lebensjahr. Während meiner ersten Studienzeit an der Berliner Universität war ich in großer Not und trug abgetragene Kleidung. Eines Tages betrat ich ein Café, ich glaube in der Rosenthaler Straße, das von Studenten des Rabbiner-Seminars besucht wurde. Mit mir ins Gespräch kam ein Mann, der (nach damaligem Verständnis) prachtvoll gekleidet war, sich als Holländer vorstellte und mich freundlich nach meinem Tun fragte. Als ich ihm antwortete, dass ich ein Jeschiwa-Student sei, sagte er – und in seiner Stimme lag ein Ausdruck der Verachtung: „Ihr, die ihr im Osten lebt, beschäftigt euch viel mit dem Talmud.“ Ich war stolz auf die Bekanntschaft dieser Generation, die ich machte, und erzählte die Geschichte einem alten Freund aus meiner Jeschiwa-Zeit, der in einer ähnlichen Lebenssituation wie ich war. Er arbeitete später als Arzt in London und starb vor zwanzig Jahren. Er brach in Gelächter aus und sagte: „Das ist doch Lewke Neustädter“. Seine Eltern sind offenbar in die Niederlande eingewandert, daher stellte er sich in Anwesenheit aller als Holländer vor, er will seine litauische Herkunft verbergen. Später las ich seine Biographie im jüdischen Lexikon, wo er Louis Ginzburg heißt und Professor am Schächter Rabbiner-Seminar in New York ist. Er war ein paar Jahre jünger als ich und in Kaunas geboren.

Der Satz aus der Grußkarte des Rabbiner-Seminars, dass mein Talmud einen Platz in der Weltliteratur einnimmt, hat sich früher erfüllt, als ich dachte. Als ich den letzten Band der kleinen Ausgabe beendete, etwa 1933, wurde mir in Cambridge gesagt, dass jemand einen Band aus meiner Talmudausgabe kaufen wolle, da er ein Mitarbeiter bei der englischen Übersetzung des Talmud sei. Tatsächlich gelang es einem klugen Londoner Verlag (Soncino Press), 28 englische Rabbiner und Gelehrte zu versammeln und eine englische Ausgabe des Talmud zu veröffentlichen, herausgegeben von Dr. J. Epstein (Direktor des Jews College).

Als ich in Berlin saß, machte ich mich daran, einen abschließenden Band für meine Talmud-Ausgabe vorzubereiten. Ich beabsichtigte darin alle Zitate aus Talmud, Bibel und Apokryphen aufzunehmen, samt allen biblischen Textvarianten der ersten Talmud-Ausgabe, da die späteren Ausgaben nach dem masoretischen Text korrigiert wurden; sowie alle Ortsnamen, die im Talmud erwähnt werden und alle Verse, die sich nicht in unseren Büchern finden. Aber mit dem Hauptteil dieses Bandes, dem alphabetischen Index zum Talmud, einer Art Enzyklopädie, habe ich nicht angefangen, sondern erst hier, in London, in den Tagen des Blitzkrieges. Als der Oberrabbiner mich zum ersten Mal besuchte und hörte, dass die ganze Arbeit innerhalb von zwei Jahren gemacht worden war, glaubte er nicht, was er hörte, und bot sofort an, das Manuskript auf seine Kosten zu fotokopieren, da es in diesen turbulenten Tagen gefährlich war, ein solches Manuskript zu Hause aufzubewahren. Er selbst war ein eifriger und geschmackvoller Sammler, aber als er sich meine Bibliothek und meine Arbeit genau ansah, sagte er zu mir: Du hast mir meine Illusion geraubt.

Die englische Übersetzung des Talmud machte hier fast keinen Eindruck. Jeder, der sich für den Talmud interessiert, Jude oder nicht, hat meine Übersetzung zu Hause. Nach kurzer Zeit war es komplett ausverkauft und wurde zu einem Preis verlangt, der dreimal so hoch war wie sein offizieller Preis.

Ich will über einen trügerischen Versuch erzählen, den Talmud ins Deutsche zu übersetzten. Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde in Berlin eine jüdische Bibliothek gegründet und ein gewisser Dr. Jakob Fromer als ihr Bibliothekar eingesetzt. Es wurden reichlich Mittel für den Kauf von Büchern bereitgestellt; der Bibliothekar war auf Empfehlung eines Christen, eines Professors an der Universität, gekommen aber ansonsten hatte er keine nennenswerten Verdienste. Zur gleichen Zeit veröffentlichte der bekannte Autor Walther Rathenau einen Artikel mit dem Titel „Höre Israel!“, der den Juden in Deutschland die Wahrheit entgegenschleuderte und für viel Unruhe sorgte. Rathenaus Publikation weckte die Leidenschaft dieses Bibliothekars und er beschloss, nicht nur in seine Fußstapfen zu treten, sondern ihn zu übertreffen. Er publizierte einen Artikel in einer Berliner Zeitung, der bösartig und taktlos war, auch war er stark gekürzt, um sein schlechtes Deutsch zu verhüllen. Zusätzlich zu den abfälligen Bemerkungen über die Lehren des Judentum, forderte er die Juden ausdrücklich auf, sich taufen zu lassen. Der Artikel erschien anonym, aber in den Ohren seiner Freunde prahlte er damit, der Autor zu sein. Als er von Gemeindevertretern darauf angesprochen wurde, dementierte er den Artikel. Dann wurde er nicht nur entlassen, sondern in Schande und Verachtung aus der Bibliothek geworfen. Der Pförtner wurde angewiesen, ihn nicht in die Bibliothek zu lassen, um seine Sachen zu holen, sondern sie ihm durch die Tür oder das Fenster zurückzugeben. Danach erzählte mir Prof. Ludwig Geiger, der Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde war, dass die Gemeinde ihn sowieso gefeuert hätte, da es nicht vorstellbar sei, dass sie einen Menschen beschäftigen würde, der das Judentum in einer solchen Weise diffamiert. Aber seinen Rauswurf in Ungnade wurde durch sein grobes Verhalten und seine Arglist verursacht. Nach dieser Begebenheit trat er in der Öffentlichkeit als Opfer eines eifersüchtigen, intoleranten Judentums auf, und um Lärm und Aufruhr zu provozieren, reichte er eine Klage gegen die jüdische Gemeinde ein, weil sie einen Teil seines Gehalts nicht bezahlt hatte. Er verlor den Prozess in erster Instanz und auch in der Berufung. Nun wandte er sich an christliche Kreise und bat um Mittel zur Herausgabe seines Buches über den Talmud in Form einer Konkordanz. Es gelang ihm sogar, gewisse Kreise anzuziehen, die ihm eine Geldsumme zur Verfügung stellten – wenn ich mich nicht irre für einen Zeitraum von zehn Jahren – in denen er sein Werk vollenden sollte. Die Frucht erschien im Eigenverlag des Autors im Jahre 1909 unter dem Namen „Der Babylonische Talmud. Zur Herstellung einer Realkonkordanz. Einleitung. Der Organismus des Judentums.“

Das ganze Werk ist voller literarischer Diebstähle und Unwissenheit. Es enthält Beispiele, die darauf abzielen, die Leser mit antisemitischen Tendenzen zu beeindrucken, sowie einen Anhang von einundsiebzig Seiten im großen Format des Traktats Bawa Kama, samt einer Übersetzung. Die Übersetzung ist schlecht und voll von Kommentaren und Erklärungen, die er aus seinem Unwissen schöpft. Die Unverschämtheit dieser Person hat mich veranlasst, eine vernichtende Kritik an seinem Werk zu schreiben. In seiner Antwort behauptete er wiederholt, er sei nichts weiter als ein Opfer des jüdischen Fanatismus und dass die Berliner Juden sein Leben genauso beenden wollten, wie es ihre Brüder in Amsterdam mit seinem Leidensgenossen Spinoza vorhatten.

Dieses Antwortschreiben wurde der Presse zur Rezension zugesandt, nicht aber sein erwähntes Buch. Die Rezensionen in den Zeitungen waren negativ, aber ein christlicher Theologe, H. Laible in Rottenburg, wollte erst darüber schreiben als er das Buch selbst sah und mich bat, ihm eine Ausgabe zu leihen. Er schickte es mir mit folgendem Brief zurück:

Ich gebe das Buch von Fromer dankend zurück. Dies ist, kurz gesagt, eine echte Verschwendung. Ich konnte kein einziges gutes Wort über ihn sagen in der Theol. Libl. Ich war froh, dass Sie mir nichts über die Person des Autors geschrieben haben, so dass ich mir ein objektives Bild nur auf Grund dieser Makulatur von ihm machen konnte. Ich hoffe, Sie nehmen mir die Fußnoten nicht über, dass ich mir das Recht genommen habe, Anmerkungen zu schreiben. Ich habe für sie sonst keinen Platz gefunden. Wenn das Buch nur zehn Pfennige wert wäre, würde ich es mir nicht erlauben, ohne Erlaubnis ein Exemplar zu kommentieren, das jemandem gehört. Aber der Wert dieses Buches ist so gering, dass ich es nicht einmal als Geschenk haben möchte.

Solche Briefe erhielt ich auch von anderen christlichen Theologen, die ihm zunächst zur Seite standen. Eine Berliner Zeitung bat mich, eine Antwort zu veröffentlichen. Prof. Dr. Abraham Berliner, einer der Lehrer am Rabbiner-Seminar zu Berlin, der zunächst einer meiner schärfsten Gegner war, schrieb über diese Antwort:

Berlin, 11. November 1909
Sie taten nicht gut daran, mich aus meinem Versteck zu locken, um öffentlich über den Krieg zu bezeugen, den Sie zu führen mit mit ihrem Sonderheft „Eine Talmudische Realkonkordanz“, gegen die Unwissenheit, was verzeihlich ist und gegen die Verfälschung, was nicht verzeihlich ist. Man könnte meinen, in der Welt der Gelehrten und Sprachwissenschaftler sei es nicht nötig, auf all die Verfälschungen des Textes, die Verdrehungen des Wortlauts und auf das darunter liegende Erklärungs-Ungetüm hinzuweisen. Das ist alles wirklich offensichtlich. Aber es ist möglich, dass Sie, während Sie ihre Feder spitzten, den Laien vor Augen sahen und gekommen sind, ihn zu warnen, nicht zu stolpern und dieses Feld der Fälschungen nicht zu betreten. Mit Ihren Worten wurden Sie auf den Rat des Dichters gestellt:

Greif nicht leicht in ein Wespennest,
Doch wenn du greifst, so greife fest.

Und in der Tat haben Sie es auf die beste Art und Weise getan und diese Tat sollte Ihnen angerechnet werden. Da Sie sich an mich gewandt haben, habe ich mir die Mühe gemacht, alle Argumente, Beweise und Behauptungen, die Sie anhand der Quellen aufgestellt haben, zu prüfen, soweit mein Wissen reicht, und ich kam zu der Erkenntnis, dass Sie in der Tat ein treues Handwerk betrieben haben und es dem Sieg der Gerechtigkeit und der Wahrheit helfen wird. Um ehrlich zu sein, musste ich die Versuchung überwinden, die ich hatte als ich Ihr Sonderheft las, neue Beweise anzuführen und besonders gegen die wundersame Idee, die Sprache des Ghetto-Jargon zu verwenden, um Zweifelsfälle über die richtige Aussprache oder grammatikalische Form der talmudischen Sprache zu überwinden. In der Tat sollte ein solch törichter Schritt öffentlich gemacht werden, aber es wurde bereits das römische Sprichwort gesagt sapienti sat, dessen korrekte Übersetzung lautet: ודי למבין.

Abschließend freue ich mich, dass Sie auf Seite 57 Ihres Sonderheftes zugeben, dass Sie beim Erscheinen des ersten Bandes Ihrer Talmudausgabe, sich in Ihrer Sturm und Drangperiode der Kritik ausgesetzt waren. In der Tat war es diese Zeit, in der bestimmte Dinge in Ihrer Übersetzung in unseren Kreisen als fehlerhaft erschienen. Die Tatsache, dass Sie im Laufe der Zeit Verbesserung in dieser Richtung bewiesen, zeigt Ihre vielen Leistungen während der dreizehn Jahre, in denen Sie bereits die Fertigstellung von zwei Dritteln des Talmuds in Ihrer neuen Ausgabe und Übersetzung erreicht haben.

Die besten Wünsche für Ihren weiteren Erfolg in Ihrer Aufgabe, unserer glorreichen Literatur Achtung zu verschaffen.

Ihr Prof. Dr. Abraham Berliner.

Dann erschien 1910 ein weiteres Büchlein mit wenigen Seiten, in dem auch eine Übersetzung eines Teils des Traktats Bava Kama im Selbstverlag es Autors, die keiner veröffentlichen wollte. 1924 veröffentlichte Fromer in einer Luxusausgabe ein Buch mit dem Titel „Der Babylonische Talmud, Übertragen und erläutert von Jakob Fromer, Berlin 1924“. Der Name ist nicht nur irreführend sondern falsch und verlogen. Das Buch enthält nichts anderes als eine Aneinanderreihung verschiedener Passagen aus dem Talmud, die alle zusammen nicht einmal einen einzigen kleinen Traktat des Talmud ergeben. Und dies ist die Geschichte der Veröffentlichung dieses Buches. Der Verleger meiner Talmud-Ausgabe veröffentliche eine Luxusausgabe meiner Koranübersetzung und war damit so erfolgreich, dass wir uns danach sehnten, weiterhin Bücher im Bereich Religion in einem kleinen Format zu veröffentlichen. Er kam zu mir mit dem Vorschlag, auch die Übersetzung des Talmud in einem solchen Format zu veröffentlichen. Ich erklärte ihm, dass der Talmud nicht nur dreißigmal größer ist, sondern dass auch der Inhalt und die Sprache für ein populäres Buch ungeeignet sind und eine Luxusausgabe wirklich lächerlich ist. Und schon der Name „Der Talmud, Deutsch“ wäre ein fundamentaler Akt der Täuschung. Ich weiß nicht, an wen er sich sonst gewandt hat, aber in Fromer hat er die richtige Person gefunden, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Es wurden mehrere Passagen aus dem Talmud gesammelt, aber ich weiß nicht nach welcher Methode die Auswahl getroffen wurde und welchen Wert sie hatte. Offenbar wurden sie einfach aus anderen Übersetzungen kopiert. Zu dieser Zeit war ich bereits Sammler von Luxusausgaben und konnte diese Bücher sogar zu einem günstigen Preis vom Verlag bekommen, aber es kam mir nie in den Sinn, dieser Sammlung einen Platz in meiner Bibliothek zuzuweisen oder ihr Zeit zum Studium zu widmen.