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Einstein und sein Judentum

Einhundert Jahre ist es her, dass Albert Einstein mit fünf Aufsätzen unser Bild von der Welt überrannte. Vor fünfzig Jahren starb er. Das Jahr 2005 (20. Tevet 5765-30. Kislev 5766) wurde daher zum „Einstein-Jahr“ ausgerufen, die UNESCO erklärte es gar zum „Weltjahr der Physik“, die Bundesregierung plant zahlreiche Veranstaltungen, die Berliner Universitäten bieten „Einstein-Lectures“ an, eine Oper soll ihm zu Ehren aufgeführt werden, und Unter den Linden wird zur „Einstein-Meile“ umgestaltet.

Kein Zweifel – Albert Einstein ist ein Superstar mit einer für einen theoretischen Forscher ganz ungewöhnlichen Medienpräsenz. Sein Erscheinungsbild – das zerzauste Genie – wurde zur weltweit bekannten Marke. Albert Einstein ist nicht nur einer der berühmtesten Physiker, sondern auch einer der berühmtesten Juden überhaupt.

Einstein wird in UIm geboren, wirkt auch in Berlin, wandert dann in den frühen dreißiger Jahren in die USA aus und nimmt dort die Staatsbürgerschaft an. Im Nationalsozialismus wird die Relativitätslehre als „jüdische Theorie“ diffamiert. Sein Verhältnis zum Zionismus bleibt trotzdem gespalten. Einerseits engagierte er sich stark für den Aufbau der Universitäten in Eretz Israel – die Hebrew University in Jerusalem beerbte ihn später auch. Andererseits ist seine oft weltfremd wirkende Kritik am israelischen Unabhängigkeitskampf bekannt. Das Amt des Staatspräsidenten lehnt er ab.

Auch Einsteins Verhältnis zur Religion scheint vordergründig paradox: Die Art, wie er vom „Herrg’tt“ beziehungsweise vom „Alten“ und vom jüdischen Volk als seinem „Stamm“ spricht, zeigt den spielerischen Umgang mit Elementen einer kindlichen G’ttesvorstellung. Mit einer äußerst observaten Phase trieb Albert Einstein als Teenager seine liberalen Eltern in den Wahnsinn, um sich dann ebenso plötzlich wie konsequent außerhalb jeden organisierten Gemeindelebens zu positionieren. Orthodoxe Juden belegte Einstein teils mit beschimpfenden Bezeichnungen. An berühmten Zitaten zum Thema Religion herrscht dennoch kein Mangel: G’tt würfele nicht, so Einsteins Begründung für die Ablehnung der Quantenmechanik. Als ein Rabbiner ihm explizit die Gretchenfrage stellte, erklärt Einstein, an einen G’tt der Gesetzmäßigkeit und Harmonie zu glauben, nicht aber an einen solchen, der lenkend ins Schicksal der Menschen eingreife. Im „Wunderjahr“ 1905 brach er mit den überkommenen Vorstellungen von Raum und Zeit als feststehende Größen – was Kausalabläufe betraf, gab Einstein sich aber verbissen deterministisch.

Soweit ersichtlich hat sich das religiöse Judentum mit den Erkenntnissen des berühmten Glaubensbruders, insbesondere mit der Relativitätstheorie bisher kaum ernsthaft auseinandergesetzt, obwohl Fragen nach Schöpfung, der Rolle des Menschen und eben das Problem des Determinismus berührt werden. Selten hat ein physikalisches Erklärungssystem so engen Bezug zur Metaphysik gehabt, wozu auch Einsteins Eigenbezeichnung als „tiefreligiöser Ungläubiger“ gut passt. Die Relativitätstheorie widerspricht zwar nicht unmittelbar den Darstellungen der Torah, wobei schon Maimonide bemerkte, in ihr gebe es kein Vorwärts und kein Rückwärts. Sie entspricht aber ersichtlich nicht dem Weltbild, von dem die Torah ausgeht. Dieses ist statisch, anthropozentrisch und lebt von Gegensätzen: Ha-schamayim ve ha-aretz [„Himmel und Erde“]. Wie die traditionellen jüdischen Vorstellungen mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften in Einklang zu bringen sind, ist eine Kernschwierigkeit – ohne deren Diskussion aber die Mehrzahl der heutigen Gemeindemitglieder, insbesondere auch die gebildeten, überwiegend säkular geprägten Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, kaum dauerhaft für die jüdische Religion zu begeistern sein dürften.

Es bleibt daher zu hoffen, dass das ausgerufene „Einsteinjahr“ auch jüdische Kreise erreicht. Natürlich ist der Einwand richtig, dass es kaum möglich sein dürfte, als Laie die moderne Physik im Einzelnen zu begreifen. Nicht einmal der aktuelle Forschungsstand – es laufen durchaus gegenwärtig Experimente, die Phänomene beweisen sollen, die Folgen von der von Einstein beschriebenen Weltenordnung sind – dürfte nachvollziehbar sein. Man tröste sich mit dem Einstein zugeschriebenen Wort, er könne jedem, der Schwierigkeiten mit Mathematik habe, versichern, seine seien noch größer.

Und noch ein Zitat wird dem berühmten Weltentschlüsselnden zugeschrieben: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“