Metzorah

Zum Wochenabschnitt Metzorah

Diese Woche in der Tora (Lev. 14,1-15,33):

Behandlung eines vom Aussatz befallenen Hauses; Aussatz-, Ausflußleidende und Monatsblutung, deren Bedeutung auf den Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und zugehörige Opfer.

Aussatz und Räude

Rav Asri’el Ari’el

Beim Lesen unseres Wochenabschnittes, Mezora, bricht einem das Herz bei den folgenden Worten, die vom Aussatz an Gebäuden handeln: „Und man reiße das Haus nieder, dessen Steine, Holz und allen Lehm des Hauses…“ (Lev. 14,45).

Der Abriß bedeutet das Ende einer Entwicklung, deren Ursprünge schon bei der Grundsteinlegung vorhanden waren. „Wenn ihr in das Land Kana’an kommt, das ich euch zum Besitz gebe, und ich verhänge den Ausschlag des Aussatzes über ein Haus in dem Lande eures Besitzes..“ (Lev. 14,34).

Wenn ihr in das Land Israel kommt, liegt dessen Besitznahme in eurer Hand und hängt von eurem Bewußtsein und von euren Taten ab. So Rabbiner Naftali Z.J. Berlin aus Woloschin: „Die Kana’aniter waren Kaufleute durch und durch… [siehe Raschi zu Gen. 38,2] ..die Bewohner der Meeresküsten sind besonders auf den Handel von Land zu Land eingestellt… ..die verbotene Nachrede findet sich besonders bei den Kaufleuten… ..einer breitet sich aus auf dem Gebiet des anderen, darum mehrt sich der Neid und der Konkurrenzkampf, was zu übler Nachrede führt. Das gilt hingegen nicht bei jenen, die sich von der Landwirtschaft und dergleichen ernähren, wo einer nicht auf den anderen neidisch ist und keine üble Nachrede vorkommt“.

Es gibt ein „Land Kana’an“ – das Land der Kaufleute mit falschen Gewichten, und es gibt ein „Land Israel“, das die oberste Vorsehung in unsere Hand zum Besitz gibt, um dort die erhabene Bestimmung zu verwirklichen, „ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk“ (Ex. 19,6) zu sein, ein Licht den Völkern und Vorbild der Menschheit. Von daher kommt Rabbiner Berlin zur abschließenden Erkenntnis, gegründet auf den Schriften des Sohar: „Wer ein Haus baut, muß sich vorsehen, die Fundamente im Sinne der Tora und in Heiligkeit zu legen, und wenn nicht, wird ihm ein Geist der Unreinheit anhaften“.

Wenn dieses Land in unserem Bewußtsein ein „Land Kana’an“ ist – dann ist zu befürchten, daß sich der Aussatz in seinen Gebäuden einnistet, und wenn ein „Land Israel“, mit den sich daraus ergebenden Implikationen von Ethik und Grundwerten, dann steht das Nationalheim auf stabilen, felsenfesten Fundamenten.

In dieser schweren Zeit, in der Manche den Eindruck haben, „wie ein Ausschlag zeigt sich mir im Hause“ (Lev. 14,35), wollen wir uns etwas eingehender mit einigen Aspekten des Aussatzes befassen.

„Das ist das Gesetz für allen Ausschlag des Aussatzes und der Räude“ (Lev. 14,54). Die „Räude“ (netek) ist ebenfalls eine Art Aussatz. Nicht wie der „Aussatz der Haut“, findet sie sich am Kopfe, dem behaarten Teil des Körpers. „Und Mann oder Weib, bei dem ein Ausschlag entsteht, am Kopf oder am Bart,… es ist die Räude, der Aussatz des Kopfes oder des Bartes ist es“ (13,29-30). Das Wesen der „Räude“ erklärte Rabbiner Moscheh ben Nachman („Nachmanides“) wie folgt: „Solange der Kopf oder der Bart normal behaart ist, wird er grundsätzlich nicht durch Ausschläge für unrein erklärt. Wenn aber eine Stelle am Kopf kahl wird und das Haar dort von der Wurzel ausfällt, so daß diese Stelle von jeder Behaarung frei ist, und an dieser Stelle des Ausfalles ensteht dünnes, gelbliches Haar – das ist ein unreiner Aussatz. Darum wird er netek [vom Wortstamm abtrennen, abkoppeln] genannt, weil sich von dort das Haar abgetrennt hat…“.

Eine tiefe Bedeutung hat dieser Aussatz des Kopfes. Einen Ansatzpunkt hat er – beim netek zwischen dem Kopf, dem Symbol des Denkens und damit des Glaubens und der Vision, und dem Haar, daß die Tat symbolisiert (siehe Rabbiner A.J.Kuk, Acht Sammlungen 1,212). Solange das Haar mit dem Kopf verbunden ist, solange die Tat mit der großen Vision verbunden ist, und die große Vision im weltlichen Leben ihren Ausdruck findet – kann dieser Aussatz nicht auftreten.

Die für diesen netek nötige Heilung, die das Gebäude bis auf die Grundfesten erschüttert, ist der Aufbau eines ganzen Bewußtseins in allen seinen Stufen, von der höchsten Stufe des Glaubens über eine ganze Welt der Werte und eines Moralbewußtseins, über gute und sittliche Charaktereigenschaften bis hin zu den feinsten Details von praktischen Überlegungen. Keine Abtrennung des Glaubens vom Leben, und keine Unterscheidung von Tora und Vision einerseits und Taten und Ausführung im täglichen Leben andererseits.

Darüberhinaus fühlt jeder Aussätzige eine gewisse „Abkoppelung“. „..abgeschieden soll er wohnen, außerhalb des Lagers sei seine Wohnung“ (13,46). Welche Therapie wird für diese Lage gefordert? Welche Handlung seitens des Aussätzigen verbindet ihn von Neuem mit dem Lager Israels? Der Talmud erklärt das im Vers erwähnte Gebot „Und der Aussätzige, der diesen Ausschlag an sich hat… unrein! unrein! soll er rufen“ (13,45) im Traktat Schabbat (67a): „Er muß sein Leid öffentlich kundtun“. Beteilige deine Umgebung – die dir bis jetzt vielleicht fremd oder entfremdet war – an deinem Schmerz, an deinem Leid. Nimm Verbindung auf! „Die jüdische Allgemeinheit“ ist nicht nur ein genereller und abstrakter Begriff, entfernt und abgekoppelt. Die Allgemeinheit besteht aus Einzelnen, jeder mit seinen Notlagen und Wehwehchen. Jeder braucht geneigte Zuhörer und einfach menschliche Wärme. Beteilige ihn an deinem Leid und höre seine Klage an. Ist es nicht genau das, was G~tt Moscheh am brennenden Busch sagte? Als er ihm den erhabenen Auftrag gab, das Volk aus Ägypten herauszuholen und in das Land des Heiligen zu bringen? „Gesehen habe ich das Elend meines Volkes, das in Ägypten, und seine Klagen über seine Antreiber habe ich gehört, ja, ich kenne seine Leiden“ (Ex. 3,7). Nur durch Verbindungsaufnahme mit dem Schmerz des Volkes konnte unser Lehrer Moscheh die große Vision verkünden: „Und ich bin herabgekommen, es zu retten aus der Hand Ägyptens, und es hinaufzuführen in ein gutes und geräumiges Land, in ein Land fließend von Milch und Honig…“ (V.8).

Beschließen wir unsere Worte mit der Haftara dieses Schabbats (Kö.II, 7,3-20), mit der Nachricht von der Errettung ausgerechnet aus dem Munde von vier Aussätzigen…

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