Tazria

Zum Wochenabschnitt Tazria

Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-13,59):

Das Gebot der Beschneidung; Geburtsunreinheit und Reinigungsopfer; Ausschläge, deren Bedeutung auf den Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und zugehörige Opfer; entsprechende Behandlung eines vom Aussatz befallenen Kleides.

Wer macht Reines aus Unreinem?

Rav Iti’el Ari’el

In unserem Wochenabschnitt ist viel die Rede von „Unreinheit“ und „Reinheit“ [im spirituellen Sinne, nicht zu verwechseln mit „Sauberkeit“ und „Schmutz“], angefangen mit der Unreinheit verbotener Nahrungsmittel bis hin zur Körperunreinheit der Gebärenden und des Aussätzigen. Da wir uns heutzutage nicht genügend mit diesen Gesetzen auskennen, fällt es uns manchmal schwer, das System und die Gesetzmäßigkeiten bis ins kleinste Detail zu verstehen. In Wirklichkeit enthält die Mischna-Ordnung „Taharot“ (Von den [Un-]Reinheiten), die sich auf unseren und die benachbarten Wochenabschnitte stützt, klare Regelungen bezüglich der Ursachen der diversen Unreinheiten und ihrer Schwere sowie die Art und Weise ihrer Beseitigung. Entsprechend werden auch die Gesetze vom Aussatz durch klare Regelungen definiert, nach denen die Erkennungszeichen für Unreinheit und für Reinheit bestimmt wurden, u.a. welche von ihnen „absolute Unreinheit“ signalisieren und welche nur zum temporären „Einschluß“ führen.

Wenn z.B. an der aussätzigen Hautstelle ein weißes Haar in einem weißen Fleck sitzt, so haben wir es hier mit einem „absoluten“ Aussatz zu tun, wohingegen ein schwarzes Haar an dieser Stelle ein Reinheitszeichen wäre. Daneben gibt es Zwischenzustände der Kombination beider Zeichen, die zu einer „Einschluß“-Phase des Aussätzigen führen, um seinen Status endgültig klären zu können.

In diesem Lichte wollen wir uns nun den Aussätzigen betrachten, der die Ausnahme von dieser Regel bildet und in dessem Fall die Zeichen der Unreinheit gerade als Zeichen der Reinheit angesehen werden. Wenn sich bei ihm nämlich nach den obengenannten Regeln die weißen Flecke der Unreinheit mehren, wird er, wenn sie den ganzen Körper bedecken, zur Ausnahme: „..ist er überall weiß geworden, so ist er rein“ (Lev. 13,13). Warum diese Ausnahme?

Anhand dieses Extrems muß betont werden, daß die Zeichen der Unreinheit nicht an sich Unreinheit verursachen, und darum braucht man sich nicht über die Diskrepanz zwischen dem äußerlich sichtbaren Zeichen, das auf eine verbreitete Unreinheit weist, und dem wahren halachischen Status zu wundern, dessen Gründe vor G~tt bekannt und offenbar sind, so wie Rabbi Jochanan zu seinen Schülern sagte: „Bei eurem Leben, nicht der Tote verunreinigt und nicht das Wasser [mit der Asche der roten Kuh] reinigt, sondern Jener, der sprach, und es ward die Welt“ (Midrasch raba, Chukkat). Das hilft uns nur nicht viel beim Verständnis weiter, wie dieses Reinheitszeichen so gründlich im Gegensatz zu den Unreinheitszeichen stehen kann, die ebenfalls auf der Ausbreitung von weißen Flecken basieren.

Sehen wir uns dazu zwei gegensätzliche Kommentare an, der eine vom Lehrer und der andere von seinem Schüler, die allerdings auf den zweiten Blick einander ergänzen. Der Kommentar „Ha’emek Dawar“ (Rabbi Naftali Z.J. Berlin aus Woloschin) erklärte, die Reinheit dieses Aussätzigen resultiere aus seinem Makel – seine Sünde ist so sehr groß, daß ihm der reguläre Reinheitsprozeß nichts nützen würde, und darum hat es keinen Sinn, ihn für unrein zu erklären. Soll doch der Aussatz die Menschen zu reumütiger Umkehr veranlassen – aber nur diejenigen, wo eine Aussicht dazu besteht. Nach diesem Kommentar ist ein Mensch, der sich nichts aus seinem stadtbekannten schlechten Ruf macht, nicht zur Umkehr fähig, denn dadurch zeigt er ja, wie wenig er zur Annahme von Belehrung und Ermahnung bereit ist, besonders, wenn er nach Erhalt der Strafe wieder seiner Sünde verfällt. In diesem Fall wird ihm der Weg zur Umkehr versperrt. Die Tora wiederholt dieses Gesetz sogar und deutet damit auf jemanden, der sagt: „Ich werde sündigen, aber gleich reumütige Umkehr tun“.

Rabbiner Awraham Jizchak Kuk, sein Schüler, gab eine genau entgegengesetze Erklärung (Ma’amarej Hara’aja S.99). Die Reinheit dieses Aussätzigen stammt gerade von seiner Größe und seiner Fähigkeit, seine Kräfte der Bosheit und der Unreinheit im Dienst an G~tt einzusetzen und sie in Richtung des Guten und der Reinheit zu neigen. Zwar gibt auch Rabbiner Kuk zu, daß die Versunkenheit in grobem Materialismus diesem Menschen keine Möglichkeit offenläßt, auf den üblichen Wegen Belehrung und Ermahnung anzunehmen, doch gerade sein Zustand ermöglicht ihm die Reinigung, ohne auf die Methoden der anderen Aussätzigen zurückgreifen zu müssen. Seiner Ansicht nach symbolisiert dieser Aussätzige die Generation der „Fußstapfen des Maschiach“ (der Beginn des messianischen Zeitalters), der höher als wir in die Welt der Heiligkeit und der Reinheit vordringt, und dessen Weg durch die tiefsten materialistischen Tiefen von Sünde und Unreinheit führt.

Nach dieser Auffassung gilt es noch gründlicher die innere Bedeutung von „Unreinheit“ und „Reinheit“ zu erforschen, nicht nur, weil sie nicht unbedingt von den äußeren Anzeichen abhängt, sondern auch, weil sich Reinheit manchmal gerade im Zusammenhang mit Unreinheit offenbart. Darum kann man sich gar nicht genug ins Gedächtnis rufen, daß „nicht der Tote verunreinigt und nicht das Wasser reinigt, sondern Jener, der sprach, und es ward die Welt“.

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