Schemini

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Diese Woche in der Tora (Lev. 9,1-11,47):

Aharon bringt Sühnopfer für seine Beteiligung am „Goldenen Kalb“; Stiftszelt-Einweihungsopfer und göttliche Erscheinung vor dem versammelten Volk; zwei der Söhne Aharons werden für falsches Räucherwerk von himmlischen Feuer getötet; Speisegesetze, erlaubte und verbotene Tiere.

Fremdes Feuer

Rav Jakov Halevi Filber
(Rabbiner an der „Merkas-Harav“ Jeschiwa, Jerusalem)

Jeder, der sich mit dem Tode der Söhne Aharons beschäftigt, sollte sich vor Augen führen, daß hier nicht von Durchschnittsbürgern die Rede ist, sondern von hochkalibrigen Gerechten, wie der Talmud jeruschalmi hervorhebt: „Warum erwähnt er den Tod der beiden Söhne Aharons an Jom Kippur? Um zu lehren: So wie Jom Kippur für Israel Sühne bringt, ebenso bringt der Tod der Gerechten Sühne für Israel“ (Joma 1.Kap., Hal.1). Der Midrasch zum Vers „Und dorthin werde ich mich verfügen zu den Kindern Israel“ (Ex. 29,43) ergänzt: „Dieser Spruch wurde Moscheh am Sinai gesagt, und er verstand nicht dessen Bedeutung, bis dieses Geschehnis zu seinen Händen kam; da sagte Moscheh zu Aharon: Mein Bruder, am Sinai wurde mir gesagt, daß ich in Zukunft dieses Haus heiligen werde, und es durch einen großen Menschen heiligen werde, und ich dachte, es werde entweder durch mich oder durch dich geheiligt, und jetzt [stellt sich heraus, daß] deine beiden Söhne größer sind als ich und du. Als Aharon hörte, daß seine Söhne himmelsfürchtig waren, schwieg er und erhielt Lohn für sein Schweigen“ (Wajikra raba 12,2). Demnach begingen sie mit ihrem dargebrachten Feuer gar keine Sünde, denn das Gesetz lautet: „..obgleich ein Feuer vom Himmel herabstieg, so ist es dennoch Gebot, auch profanes zu holen“ (Joma 21b), wie geschrieben steht: „Die Söhne Aharons, des Priesters, sollen Feuer auf den Altar tun“ (Lev. 1,7). Nach dem einfachen Wortsinne der Schrift bestand ihre Sünde demnach nicht im Darbringen des Feuers, sondern in der Ausführung ohne spezifischen Auftrag – „das er ihnen nicht geboten“ (Lev. 10,1). Doch darüberhinaus offenbaren uns die talmudischen Weisen im Midrasch, daß neben der ausdrücklich erwähnten Sünde noch andere Gründe beim Tode der Söhne Aharons im Spiele waren: „Die Söhne Aharons starben nur, weil sie das Gesetz in Anwesenheit ihres Lehrers Moscheh lehrten“ (Wajikra raba 20,6), und fügten hinzu: „wegen vierer Dinge starben die Söhne Aharons: wegen der Annäherung [in das Heiligtum] und wegen der Opferung [eines nicht gebotenen Opfers], wegen fremden Feuers und weil sie nicht einander um Rat fragten“ (20,8). Andere von den Weisen brachten dort im Midrasch folgende Gründe vor: „wegen vierer Dinge starben die Söhne Aharons: weil sie Wein getrunken hatten, weil sie nicht die vorgeschriebenen Gewänder trugen, weil sie eintraten, ohne sich Hände und Füße gewaschen zu haben, und weil sie keine Kinder hatten“ (20,9). In Wirklichkeit besteht kein Widerspruch zwischen dem Text der Tora und dem Midrasch, denn das „unheilige Feuer, das er ihnen nicht geboten“ war bloß der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, nach einer ganzen Reihe von anderen Sünden.

Die Sünde von Nadaw und Awihu begann nicht am achten Tage der Einweihung, vielmehr hatten sie schon vorher, bei der Versammlung am Sinai, ein Auge auf höhere Posten geworfen, wie der Talmud erzählt: „Einst gingen Moscheh und Aharon auf dem Wege, Nadaw und Awihu hinter ihnen, und ganz Israel hinter diesen. Da sprach Nadaw zu Awihu: Daß doch schon diese zwei Greise sterben möchten, und ich und du das Zeitalter anführen!“ (Sanhedrin 52a). Der Midrasch spezifiziert weiter: „und wir die Herrschaft über die Allgemeinheit ausüben“ (20,10). Darin besteht kein Widerspruch: der Talmud erwähnt, wie sie sich äußerten, und der Midrasch offenbart uns, was sie in ihrem Innern dachten, nämlich nicht an Führung, sondern an Herrschaft. Darum schrieb der Raschikommentar (zu Sanh.52a): „Sie starben, weil sie Herrschaft und Hochstellung anstrebten“. Der Grund für die Sünde von Nadaw und Awihu läßt sich anhand des Unterschiedes zu Moscheh und Aharon verstehen. Moscheh und Aharon liefen nicht nur nicht der Herrschaft nach, auch wollte einer dem anderen nicht zu nahetreten, wie der Midrasch berichtet: „Vielleicht glaubst du, Moscheh hielt sich zurück und wollte nicht gehen, nur um Aharon zu ehren; [vielmehr] sagte Moscheh, bevor ich erschien, prophezeite ihnen mein Bruder Aharon in Ägypten achtzig Jahre lang… und jetzt dringe ich in das Gebiet meines Bruders ein, und er grämt sich darüber?! Darum wollte er nicht gehen. Da sprach G~tt zu Moscheh: Dies macht Aharon nichts aus; nicht nur, daß er sich nicht grämt, es freut ihn sogar! Wisse, daß er es ihm sagte. Und siehe, er kommt dir entgegen und sieht dich und freut sich in seinem Herzen. Er sagt nicht: er freut sich – als Lippenbekenntnis, oder: er zeigt Freude, sondern: er freut sich in seinem Herzen“ (Tanchuma Schemot §27).

Nadaw und Awihu verkörperten jedoch ein anderes Führungsmodell. Egoismus und das persönliche Vorankommen standen an der Spitze ihrer Bestrebungen, auch um den Preis des Niederwalzens eines jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Bis daß sie sogar hinter ihrem Vater und ihrem Onkel hergehen und sagen konnten: „Daß doch schon diese zwei Greise sterben möchten, und ich und du das Zeitalter anführen!“. Als sie hinter sich blickten und ganz Israel hinter ihnen hergehen sahen, bildeten sie sich in ihrem Stolz etwas darauf ein und dachten, die Massen folgten ihnen und ihnen zu Ehren, und als sie dann nach vorn schauten und die zwei Greise erblickten, die vor ihnen wandelten, war ihnen klar, daß diese beiden einfach störten und ihnen den Weg zur Herrschaft versperrten, und darum konnten sie sie gar nicht schnell genug loswerden. Wer aber nicht der Generation seiner Väter treu ist, verrät am Ende auch seinen Bruder, wie es heißt: „Und die Söhne Aharons, Nadaw und Awihu, nahmen ein jeder seine Rauchpfanne“ (Lev. 10,1) – „jeder tat es von sich aus, ohne den anderen um Rat zu fragen“ (Midrasch s.o.). In der Stunde der Wahrheit ging jeder seinen getrennten Weg und dachte nur an sich selbst. Eine Führung, die nur an sich selbst denkt, kann sich nicht auf gegenseitiges Vertrauen ihrer Partner stützen und mißachtet natürlich auch die übrigen ihr obliegenden Pflichten.

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