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Genealogie der Tora (Einleitung des Rambam)

Vorrede des Rambam (Genealogie der Tora)

»Ich brauche nicht zu erröten, wenn ich alle Deine Gebote beobachte.« (Psalmen 119:6.)

Mit allen Gesetzen wurden Moses auf dem Berge Sinai auch deren Erläuterungen übergeben; denn es heißt: »Ich werde dir übergeben die steinernen Tafeln, die Tora und das Gebot« (Ex. 24:12). Unter »Tora« wird die Heilige Schrift verstanden. — Das »Gebot« deutet auf deren Erläuterung hin. Er befahl uns also, die Tora nach deren Erläuterungen auszulegen. Diese aber bilden die Tradition, oder die mündliche Überlieferung.

Unser Lehrer Moses hat die ganze Tora noch bei seinen Lebzeiten mit eigener Hand niedergeschrieben, ein Exemplar davon jedem der zwölf Stämme mitgeteilt und eines in der Lade als Zeugnis aufbewahrt. So heißt es: »Nehmet dieses Buch der Tora und leget es neben die Lade des Bundes usw.« (Deut. 31:26). Die Gebote aber, nämlich die Erläuterung derselben, hat er nicht schriftlich, sondern mündlich den Ältesten und dem Josua mitgeteilt, so wie allen Israeliten, denn es heißt: »Alles, was Ich euch befehle tragt Sorge, es aufzubewahren usw.« (Deut. 13:1) und daher erhielt diese Erläuterung den Namen »mündliche Überlieferung.« Doch obgleich dieselbe nicht schriftlich war, so hat sie dennoch Moses seiner Gerichtsversammlung; den siebzig Ältesten, mündlich vorgetragen und dieselbe alsdann Elazar, Pinchas und Josua, allen dreien insgesamt, überliefert, jedoch den Josua, seinen Jünger, darüber gesetzt.

Desgleichen lehrte Josua die Tora sein ganzes Leben lang mündlich. Viele der Ältesten empfingen sie von Josua; Eli empfing sie von den Ältesten und von Pinchas. Samuel empfing sie von diesem und dessen Gerichtsversammlung; David von diesem und dessen Gerichtsversammlung. Ihm folgte Achija, der Schilonite aus dem Stamme Levi, der selbst noch als Kind den Auszug aus Ägypten mitgemacht haben soll. Dieser empfing die mündliche Tora von David und dessen Gerichtsversammlung, von ihm empfing dieselbe der Prophet Elias, von diesem Elischa, von diesem der Priester Jehojada, von diesem Zecharia, von diesem Hoschea, von diesem Amos, von diesem Jesaias, von diesem Micha, von diesem Joel, von diesem Nachum, von diesem Habakuk, von diesem Zephania, von diesem Jeremia, von diesem Baruch, der Sohn Neria, von diesem empfing sie Esra und seine Gerichtsversammlung. Die Gerichtsversammlung des Esra heißt אנשי כנסת הגדולה, die Männer der großen Versammlung; die namhaftesten unter ihnen sind Hagai, Zecharia, Malachi, Daniel, Chanania, Mischael, Esaria, Nehemia, Sohn Chachalias, Mordechai, Bilschon, und Serubabel; außer ihnen gehörten noch dazu viele weise Männer, bis 120 an der Zahl.

Der Letzte unter diesen 120 war Simon der Fromme, der Hohepriester nach Esra, und dieser hat die mündliche Überlieferung von jenen allen empfangen; von ihm empfing dieselbe Antigonos aus Socho, von diesem Jose, der Sohn Joesers aus Zereda und Joseph, der Sohn Jochanans aus Jerusalem, von diesem Josua, der Sohn Prachia’s und Nithai, der Arbelite; von diesem Jehuda, Sohn Tabais und Simon, der Sohn Schatachs, von diesem Schamai und Abtalion, die frommen Proselyten, von diesen Hilel und Schamai. Rabbi Jochanan, der Sohn Sakais und Rabbi Simon, des alten Hilel Sohn, empfingen die mündliche Überlieferung von Hilel und dessen Gerichtsversammlung. Dieser Rabbi Jochanan, Sohn Sakai’s, hatte fünf Schüler, welche als die größten Gelehrten galten und dieselbe wiederum von ihm empfingen; diese waren Rabbi Elieser der Große, Rabbi Josua, Rabbi Jossi der Priester, Rabbi Schimon. Sohn Nathanaels und Rabbi Elazar, Sohn Arachs. Von Rabbi Elieser dem Großen empfing Rabbi Akiva, der Sohn Josephs, dessen Vater Joseph ein frommer Proselyt war. Von Rabbi Akiva empfing die mündliche Überlieferung Rabbi Ischmael und Rabbi Meier, der Sohn des berühmten frommen. Proselyten. Derselbe Rabbi Meier und seine Kollegen empfingen die mündliche Überlieferung zugleich vom Rabbi Ischmael. Die Kollegen des Rabbi Meier waren: Rabbi Jehuda, Rabbi Jossi, Rabbi Simon, Rabbi Nechemia, Rabbi Elasar, Sohn Schamuas, Rabbi Jochchanan der Schuhmacher, Simon, Sohn Esais und Rabbi Chanania, Sohn Tradions. Ebenso haben die Collegen des Rabbi Akiva vom Rabbi Elieser dem Großen die mündliche Überlieferung empfangen. Diese waren Rabbi Tarfon, der Lehrer des Rabbi Jossi aus Galiläa, Rabbi Simon, Sohn Elasars, Rabbi Jochanan, Sohn Nuris.

Rabbi Gamliel der Alte empfing sie von seinem Vater, dem Rabbi Simon, dem Sohne Hilel des Alten. Von diesem empfing sie sein Sohn Rabi Simon und von diesem sein Sohn Rabbi Gamliel, von diesem sein Sohn Rabbi Simon und von ihm wiederum sein Sohn Rabbi Jehuda, der genannt wird »unser Rabbi der Heilige.« Er empfing sie sowohl von seinem Vater, als auch von dessen Kollegen Rabbi Elasar, Sohn Schamuas und Rabbi Simon.

Dieser heilige Rabbi רבינו הקדוש war es, der die Mischna verfasst, denn vom Zeitalter unseres Lehrers Moses, bis zu dem des heiligen Rabbi, wurde kein Werk in Betreff der Tradition öffentlich herausgegeben, sondern in jeder Generation pflegte entweder der damals existierende Prophet oder das Oberhaupt der jedesmaligen Gerichtsversammlung Alles, was sie von ihren Vorgängern vernommen hatten, für sich selbst zu verzeichnen und selbiges wiederum mündlich vorzutragen. Auch pflegte, viele außer ihnen, je nach Fähigkeit und Talent, alles Überlieferte, sowohl in Bezug auf die bloße Schrifterklärung, als in Betreff der Satzungen, für sich selbst auszuschreiben, desgleichen auch diejenigen Resultate, welche in jeder Generation nicht durch die Überlieferung, sondern durch die dreizehn maßgebenden Grundlehren שלוש עשרה מדות gefolgert wurden und welchen das große Gericht beipflichtete. So ging es immer fort bis zur Zeit Rabbi, des Heiligen. Dieser aber sammelte alles Überlieferte, alles in den Gesetzen. Erklärte und Erläuterte, sowohl das unmittelbar von unserem Lehrer Moses Mitgeteilte, als auch das in den folgenden Zeitaltern durch dir Gerichtsversammlungen Bestimmte und machte ein Ganzes daraus, welches den Namen »Mischna« bekommen. Selbige wurde öffentlich den Gelehrten eingeschärft, und jeder schrieb dieselbe ab und verbreitete sie an allen Orten, damit die mündliche Überlieferung nicht in Israel erlösche.

Der Beweggrund des heiligen Rabbi, der Sache eine neue Reform zu geben, und es nicht beim Alten bewenden zu lassen, war dieser: Er bemerkte nämlich, dass die Zahl der Schriftgelehrten immer mehr abnahm, und die Widerwärtigkeiten des Schicksals zunahmen, dass der Götzendienst die Oberhand erlangte und Israel elendiglich nach allen Weltenden auswanderte. Dies bewog ihn jenes Werk zu verfassen, das Jedermann handhaben und in kurzer Zeit studieren könnte, damit Nichts in Vergessenheit komme. Er saß sein ganzes Leben lang samt seiner Gerichtsversammlung und lehrte die Mischna öffentlich. Folgende find die größten Gelehrten und Mitglieder seiner Gerichtsversammlung gewesen, welche von ihm das Gesetz empfangen haben: seine Söhne Simon und Gamliel, Rabbi Appes, Rabbi Chanina, Sohn Chama’s, Rabbi Chia, Rav, Rabbi Janai, Bar Kapara, Samuel, Rabbi Jochanan und Rabbi Hosia. Diese waren die größten aller Gelehrten, mit ihnen aber waren noch Tausende anderer Gelehrten da.

Obwohl diese elf Männer zugleich vom heiligen Rabbi die Mischna empfangen und Teilnehmer seiner Schule gewesen, so war doch Rabbi Jochanan damals noch sehr jung, wurde nachher Schüler des Rabbi Janai, und empfing von ihm das Gesetz. Desgleichen empfing Rav von Rabbi Janai Unterricht, und Samuel von Rabbi Chanina, Sohn Chama’s. Rav verfasste die Werke ספרא Sifra und ספרי Sifri, die Erklärung der, Grundsätze der Mischna enthaltend. Rabbi Chia verfaßte die תוספתא Tosefta, welche den Inhalt der Mischna erklärt; Rabbi Hosia und Bar Kapara verfassten die ברייתות Beraithoth, die Worterklärung der Mischna erhaltend. Rabbi Jochanan hat die jerusalemitische Gemara תלמוד ירושלמי im heiligen Lande verfasst, ungefähr drei Jahrhunderte nach der Zerstörung des zweiten Tempels.

Die größten unter den Gelehrten welche die Mischna von Rav und Samuel empfangen haben, waren: Raw Huna, Raw Jehuda, Raw Nachman und Raw Kahna. Unter den Größten der Gelehrten, die von Rabbi Jochanan die Mischna empfangen haben, waren: Rabah, der. Urenkel des Chana, Rabbi Ami, Rabbi Assi, Raw Dimi und Rabbi Abin. Unter den Geehrten, die bei Raw Huna und Raw Jehuda Unterricht nahmen, waren Rabah und Raw Joseph. Unter denen wiederum die von diesem Unterricht empfingen, waren Abaia und Rawa. Dieselben haben auch von Raw Nachman Unterricht empfangen und die von letzteren Unterricht empfingen; waren Raw Aschi und Rawina; Mar, der Sohn Raw Aschis, aber empfing das Gesetz von seinem Vater sowohl, als von Rawina.

Also haben vom Raw Aschi bis zu unserem Lehrer Moses, Friede sei mit ihm, vierzig Generationen die Überlieferung abwechselnd empfangen, nämlich Raw Aschi von Rawa, Rawa von Rabah, Rabah von Raw Huna, dieser von Rabbi Jochanan, und Raw und Samuel. Diese von Rabbi dem Heiligen, dieser von seinem Vater Simon, dieser von seinem Vater Gamliel dem Alten, dieser von seinem Vater dem Rabbi Simon, dieser von seinem Vater Hilel und dem Schamai, diese von Schemaia und Abtalion, diese von Jehuda und Simon, diese von Josua, dem Sohne Prachias und Nithai, dem Arbeliten, diese von Jossi, dem Sohne Joesers und von Joseph, dem Sohne Jochanans, diese von Antigonos, dieser von Simon dem Frommen, dieser von Esra, dieser von Baruch, dieser von Jeremia, dieser von Zephania, dieser von Chabakuk, dieser von Nachum, dieser von Joel, dieser von Micha, dieser von Jesaias, dieser von Amos, dieser von Hosea, dieser von Secharia, dieser von Jehojada, dieser von Elischa, dieser von Elias, dieser von Achia, dieser von David, dieser von Samuel, dieser von Eli, dieser von Pinchas, dieser von Josua, dieser von Moses unserem Lehrer. Moses empfing Alles von der Allmacht Gottes,— also haben wir die Überlieferung vom Gotte Israels überliefert bekommen.

Alle oben erwähnten Gelehrten waren zugleich die größten ihrer Zeitalter. Viele unter ihnen waren Vorsteher der Hochschulen ראשי ישיבות viele Vorsteher des Ganzen im Exil lebenden Volkes, und viele—Mitglieder des großen Sanhedrions, (מסנהדרי גדולה) und in derselben Zeit waren, noch Tausende von Gelehrten, die von ihnen und mit ihnen zugleich durch die Vorgänger unterrichtet worden waren.
Rawina und Raw Aschi waren die letzten Lehrer des Talmuds. Raw Aschi hat den babylonischen Talmud תלמוד בבלי im Lande Schinaar, etwa hundert Jahre später als Rabbi Jochanan den jerusalemitischen תלמוד ירושלמי verfasst. Der Inhalt dieser beiden Talmude ist die Erklärung der Mischna, sowohl in Betreff der Worte, als auch ihrer Gegenstände. Dieselben enthalten zugleich alle Resultate, die von den Zeiten Rabbi des Heiligen an, bis zum Schlusse des Talmuds, in allen Gerichtsversammlungen gewonnen wurden. Aus den beiden Talmuden, aus der תוספתא Tosefta, aus dem ספרא Sifra, dem ספרי Sifri und den übrigen Toseftot תוספתות allen, geht die Erklärung alles Unerlaubten und Erlaubten, Unreinen und Reinen, Schuldigen und Unschuldigen, Verwerflichen und Annehmbaren hervor, nach der Weise wie sie Einer vom Andern, bis zu unserem Lehrer Moses zurück, überliefert erhalten hatte.

Dieselben enthalten auch diejenigen Entscheidungen, welche Propheten und Gelehrte in jenem Zeitalter getroffen, um dem Gesetze vorzubauen, wie es Moses deutlich geäußert, indem er sagt: »Bewachet was ich eurer Obhut anvertraut« (Lev. 18:30). Was so viel sagen will als: Bewahret mit besonderer Vorsicht das euch Anvertraute. Dieselben enthalten ferner alle zeitgemäßen Gebräuche und Verordnungen der verschiedenen Geschlechtsfolgen, nach denen man sich verhalten musste, weil es verboten war gegen sie aufzutreten. Denn es heißt: »du sollst nicht ablenken von dem, was sie dir sagen werden, weder rechts noch links.« (Deut. 17:11)

Ferner enthalten dieselben alle Gesetze und Rechte, die sie nicht von Moses überliefert bekommen haben, sondern die durch die maßgebenden Grundlehren der Gerichtsversammlungen jedes Zeitalters gefolgert, und durch die Ältesten bestätigt worden sind. Alle diese hat Raw Aschi, von der Zeit Moses bis zu der seinigen, gesammelt und daraus den babylonischen Talmud verfasst.
Die Lehrer der Mischna haben noch außerdem andere Werke verfasst, die Exegese (Bibelauslegung) betreffend, so hat Rabbi Hosea, Schüler Rabbi des Heiligen, die Auslegung des Buches Genesis בראשית; Rabbi Ischmael wiederum die Tora vom Exodus שמות an, bis zum Ende des Pentateuchs erklärt. Dieses heißt מכילתא Mechilta. Ebenso hat Rabbi Akiva eine Mechilta verfasst. Noch andere Gelehrte haben Midraschot (מדרשות Allegorien) verfasst, und alle diese sind vor dem babylonischen Talmud an den Tag gekommen. Demnach ist zu ersehen, dass Rawina, Raw Aschi und deren Kollegen, den Schluss der gelehrten Periode der Traditionslehre bildeten und Verordnungen und Gebräuche eingeführt haben, die in ganz Israel und aller Orten Autorität erlangt haben.

Nachdem der Talmud durch die Gerichtsversammlung des Raw Aschi verfasst, und zur Zeit seines Sohnes vollendet worden war, haben außerordentlich große Auswanderungen unter den Israeliten stattgefunden, so dass sie sich nach allen Erdenden und nach den entferntesten Inseln hin zerstreuten; Kriege brachen aus und die Wege wurden durch die Schwärme der Truppen unsicher. Das Studium des Gesetzes nahm ab und Israel hörte auf die Hochschulen zu Tausenden und Zehntausenden, wie vorher, öffentlich zu besuchen, sondern nur einzelne Privatpersonen, die Gottesfurcht begeisterte, pflegten sich zu versammeln in mancher Stadt und in manchen Landen, um das Gesetz zu studieren, die Werke jener Gelehrten zu erfassen und daraus die Rechte zu folgern. Ein solches Gericht nach dem Abschlusse des Talmuds, das sich entweder für etwas entschieden, oder etwas angeordnet, oder eine Satzung für sein Land sowohl, als für mehrere andere Länder getroffen, hatte nun kein Mittel, selbige für ganz Israel geltend zu machen, weil sowohl ihre Wohnorte weit entfernt von einander, als auch die Wege unsicher geworden waren.

Und da ein solches Gericht bloß aus einzelnen Privatmännern bestand, und das große Einundsiebenziger Gericht schon viele Jahre vor Beendigung des Talmuds aufgehört, so darf man natürlich die Bewohner des einen Landes nicht zwingen, so zu verfahren, wie die des andern. Ebenso darf man dem einen Gerichte nicht vorschreiben solche Anordnungen in seiner Gegend zu treffen, wie eine andere Gerichtsversammlung in demselben Lande. Ebenso wenn ein Gaon großer (Gelehrter) einen gewissen Satz so und so erklärt, ein anderes Gericht aber, das ihm folgt, diesen Satz im Talmud anders auslegt, so hat man-nicht der Meinung des ersten zu folgen, sondern diejenige Meinung anzunehmen, welche die größere Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Dieses gilt jedoch bloß von denjenigen Gesetzen, Aussprüchen, Verordnungen und Gebräuchen, die erst nach dem Schlusse des babylonischen Talmuds entstanden, alle diejenigen aber, welche in demselben sich schon vorfinden, müssen alle Israeliten befolgen, und jede Stadt und jedes Land kann gezwungen werden, alle in der Gemara vorkommenden Gebräuche, Aussprüche und Anordnungen zu vollziehen, weil in Betreff ihrer ganz Israel übereinstimmten und diejenigen, die Solches veranstaltet haben , Alle, oder wenigstens die meisten von ihnen, die größten Gelehrten Israels waren, welche die Tradition von ihren Vorgängern, und so fort durch alle Geschlechter, bis zu unserem Lehrer Moses, seligen Andenkens, überliefert bekommen.

Alle, die nach dem Schlusse des Talmuds Ruhm durch Weisheit eingeerntet, heißen: גאונים Gaonim (große Gelehrte). Alle diese Großen, sowohl im heiligen Lande, als auch im Lande Schinaar (Babylon), Spanien ספרד, Frankreich צרפת, erteilten Unterricht im Talmud, verbreiteten Licht über alle dunklen Stellen, und erläuterten denselben in seinen inhaltsreichen Verzweigungen. Denn es tat dies wohl Not, da seine Vortragsweise sehr tiefsinnig, und obendrein sein Text in der von verschiedenen Dialekten untermischten aramäischen Sprache verfasst ist.

Zur Zeit der Talmudisten musste wohl diese Sprache allen Einwohnern des Landes Schinaar leicht verständlich gewesen sein, an andern Orten aber, und sogar in Schinaar selbst zur Zeit der Gaonim, verstand nicht ein Jeder mehr diese Sprache, wenn sie nicht gerade zu erlernt wurde. Und so wurden jene Großen zu ihrer Zeit von allen Städten um viele schwierige Stellen in der Gemara befragt, worauf jene nach ihrer Einsicht antworteten; die Frager pflegten die Beantwortungen zu sammeln, und daraus Werke zu verfassen zum ferneren Unterricht.

Die Gaonim jedes Zeitalters selbst haben auch viele Werke zur Erläuterung des Talmuds verfasst. Viele unter ihnen haben einzelne Gegenstände behandelt, viele—einzelne Abschnitte, die zu ihrer Zeit dunkel gewesen, viele haben mehrere Traktate und ganze Abteilungen erklärt. Andere haben bestimmte Resultate in Betreff des Unerlaubten und Erlaubten, des Schuldigen und Unschuldigen, zum gegenwärtigen Gebrauche verfasst, damit es auch Jeder zur Hand habe, der nicht fähig, solche aus der Tiefe des Talmuds selber zu erforschen. Mit dieser gottgefälligen Arbeit beschäftigten sich alle Großen Israels, seit dem Schlusse des Talmuds, bis auf diese Zeit, das 1108te Jahr nach der Zerstörung des Tempels (1177 Nach christlicher Zeitrechnung) und das 4937ste seit der Schöpfung der Welt.

Zu dieser Zeit sind wir größeren Unglücksfällen ausgesetzt. Alles nahm eine andere Wendung, dahin schwand die Weisheit unserer Weisen und das Wissen unserer Gelehrten ist uns verborgen. Daher sind sogar diejenigen Erläuterungen, Resultate und Beantwortungen, welche die Gaonim verfasst, und welche zu ihrer Zeit Jedem verständlich waren, in unseren Tagen dunkel, so dass die Zahl derer, die sie gründlich erfassen, klein ist, geschweige denn, dass die Gemara selbst, sowohl die babylonische, als auch die jerusalemitische, die Sifra und Sifri und die Tosefta richtig verstanden würden, welche alle einen weitumfassenden Geist und Verstand und obendrein viel Zeit erfordern, um den richtigen Weg, in Betreff des Unerlaubten und Erlaubten, und sonstiger Gesetze der Schrift einzuschlagen.

Aus diesem Grunde leerte ich Moses, Sohn Maimons, des Spaniers meine Reisetasche (Ein Ausdruck, den Nehemia 5:13 beim Tempelbau gebraucht, um seine Hingebung für das allgemeine Beste auszudrücken.) und studierte gestützt auf den Schöpfer, gelobt sei dessen Name, alle jene Bücher, um daraus die Resultate aller in Betreff des Unerlaubten und Erlaubten, des Unreinen und Reinen, samt allen dort aufgezeichneten Gesetzen zu sammeln und dieselben in reiner, klarer Sprache und in bündigen Worten darzustellen; und zwar ohne erst zu fragen, und darauf zu antworten, ohne die verschiedenen Meinungen über einen Gegenstand hinzuzufügen, habe ich vielmehr reine Resultate, wie dieselben aus allen jenen Werken seit der Zeit Rabbi des Heiligen bis auf unsere Tage gefolgert wurden, ausgestellt, damit alle Gesetze in einem jeden Gebote offen und klar für einen Jeden, Klein oder Groß dastehen—mit einem Worte, damit Niemand irgend ein anderes Werk in Betreff der Gesetze in Anspruch zu nehmen genötigt sei; weil gegenwärtiges Werk alle Traditionen, alle Verordnungen, Gebräuche und Aussprüche, die seit der Zeit unseres Lehrers Moses bis zum Schlusse des Talmuds, sowohl als auch die zur Zeit der Gaonim getroffenen enthält. Ich nannte das Werk daher משנה תורה die Wiederholung der Tora, weil man zuerst nur die schriftliche Tora und dann nur dieses Werk zu studieren hat, welches die ganze Tradition, mündliche Lehre, enthält, und weil man keines anderen Werkes daneben bedarf. Ich habe dieses Werk in Bücher, diese Bücher wiederum in Abtheilungen für den Gegenstand, diese Abtheilungen in Kapitel und die Kapitel wiederum in kleinere Abtheilungen eingeteilt, um dem Ganzen eine genauere Ordnung zu geben.

Es gibt viele Abschnitte, welche nur ein einziges Gebot betreffen, weil in diesem Gebot viel Überliefertes vorhanden, welches dennoch einen für sich bestehenden Gegenstand ausmacht. Es gibt auch solche Abschnitte, die mehrere Gebote umfassen, und welche dennoch von einem Gegenstand handeln, indem die Einteilung dieses Werkes nicht nach der Zahl der Gebote, sondern nach den Gegenständen, wie der Leser selbst ersehen wird, getroffen ist. Die Zahl aller Vorschriften der Tora, die für alle Zeiten gültig sind, ist 613, worunter 248 Gebote (man nehme die Zahl der Glieder des menschlichen Körpers), und 365 Verbote, (man nehme die Zahl der Tage des Sonnenjahrs zum Merkmale). Diese 613 Vorschriften wurden dem Moses auf dem Berge Sinai mitgeteilt, samt ihren allgemeinen Begriffen, Einzelheiten und näheren Bestimmungen; diese letzteren aber heißen mündliche Überlieferung, welche die Gerichtsversammlungen von ihren Vorgängern fort und fort mündlich überliefert bekommen haben, wie schon erklärt.

Nun habe ich dieses Werk in vierzehn Bücher eingeteilt und zwar folgendermaßen.
Erstes Buch, welches die Grundsätze der mosaischen Religion enthält, über welche Jedermann früher als über alles Übrige in Kenntnis gesetzt werden muss, so z. B. die Einheit Gottes, gelobt sei Er, und das Verbot des Götzendienstes; ich nannte daher dieses das Buch der Erkenntnis ספר המדע.

Das zweite Buch nannte ich ספר אהבה, das Buch der Liebe, weil ich in demselben alle diejenigen Gebote zusammengestellt, die fortwährend ausgeübt werden müssen, um uns zur Liebe Gottes und zur Erinnerung an ihn zuführen, so z. B. קרית שמע.

Das dritte Buch nannte ich ספר זמנים das Buch der Zeiten, weil in demselben alle Gebote der festlichen Zeiten abgehandelt wurden, z. D. vom Schabbat und allen Feiertagen.

Das vierte Buch, ספר נשים das Buch der Frauen, weil hier die Gebote in Betreff der Verlobungen, der Scheidungen, der ייבום Verschwägerung, und des חליצה Schuhausziehens, abgehandelt werden.

Das fünfte Buch, ספר קדושה das Buch der Heiligkeit, weil in diesem alle Verbote, betreffend die Blutschande und die verbotenen Speisen enthalten sind, wodurch wir vor den heidnischen Völkern uns auszeichnen, wie es auch heißt von beiden Verboten: »Ich habe euch von den Völkern abgesondert« (Lev. 20:26) und »von den Völkern habe ich euch abgesondert« (Lev. 20:24).

Das sechste Buch, ספר הפלאה das Buch der Gelöbnisse, weil dort die Gebote dessen Vorkommen, der sich durch Schwüre und Gelübde auszeichnet.

Das Siebente Buch, ספר זרעים, das Buch der Saat, weil ich hier alle Gebote, die Erdensaat betreffend, gesammelt z.B. שמיטים Erlassungsjahre, יובלות Jubeljahre, מעשרות Zehnten, תרומות Priesterheben, und dergleichen Gebote zusammenstellte.

Das achte Buch, ספר עבודה das Buch des Tempeldienstes, weil dasselbe vom Tempelbau und den Gemeindeopfern handelt.

Das neunte Buch, ספר הקרבנות das Buch der Opfer, weil hierin die Privatopfer behandelt werden.
Das zehnte Buch, ספר טהרה das Buch der Reinlichkeit, welches von den Gesetzen des Unreinen und Reinen handelt.

Das elfte Buch, ספר נזקים das Buch der Beeinträchtigung, weil in diesem alle Gebote in Betreff der zugefügten Schäden im gewöhnlichen Leben vorkommen.

Das zwölfte Buch, ספר קניין das Buch des Kaufs, weil es Kaufs-und Verkaufs Gesetze umfasst.

Das dreizehnte Buch, ספר משפטים das Buch der Prozesse, weil hier die Gebote behandelt werden, betreffend alle sonstigen im Leben vorkommenden Gerichtsfälle d. h. solche, die nicht von vorn herein mit Schaden beginnen, so z. B. über Hüter, Schuldner, Einwendungen und Widersprüche.

Das vierzehnte Buch, ספר שופטים das Buch der Richter, worin die Gebote, den Sanhedrin betreffend, vorkommen, die Verurteilungen zum Tode, das Zeugenverhör, die Gesetze der Könige und ihre Kriege.

Originalausgabe, Gutachten der Gelehrten und Lizenz
Auszug aus dem Buche Jad-Haghasakkah, die starke Hand – Handbuch der Religion
Nach dem Talmud zusammengestellt
Von
Rabbi Moscheh-ben-Maimon, genannt Moses Maimonides,
aus Spanien,

und nach dem Gutachten der Gelehrten und Rabbinen:
Rabbi Israel Gordon, R. Chajm-Nachman Parnass, R. Abraham-Judel Straschun, R. Salomon Zeew, des Predigers zu Wilna, R. Menachem aus Liubawitsch, R. Isaac aus Woloschno, R. S. Rappoport, R. Israel-Michel Jeschurnn aus Minsk, R. Israel Halperin aus Berditschen, R. Isaac Behr Lewinsohn aus Kremenietz, R. Hirsch Katzenellenbogen aus Wilna und Dr. Abraham Neumann aus Riga.
Revidiert und übersetzt.
St. Petersburg
1850