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Rambam — von den verbotenen Speisen

Rabbi Mosche ben Maimon
הלכות מאכלות אסורות
Von verbotenen Speisen
neu ins Deutsche übersetzt
von
Igor Itkin & Alexander Adler


ERSTES KAPITEL — Erkennungszeichen koscherer Tiere

Die Mitzwa Erkennungszeichen zu unterscheiden
1) Es ist eine Mizwa die Erkennungszeichen zu unterscheiden bei Tieren, die uns zu essen erlaubt und verboten sind. Bei Vieh, Wild, Vogel, Fisch und Heuschrecken, So steht es in der Tora: „Und ihr sollt unterscheiden zwischen dem reinen Vieh und dem unreinen und zwischen den unreinen Vögeln und den reinen“(Lev.20:26) „Damit man unterscheide zwischen dem, was unrein ist, und dem, was rein ist, und zwischen den Tieren, die gegessen werden dürfen, und denen, die man nicht essen darf.“(Lev.11:47)

Erkennungszeichen für Vieh und Wild
2) Die Erkennungszeichen des Viehs und des Wilds sind in der Torah erklärt, ihrer sind zwei: „gespaltene Hufe und Wiederkäuer“ (Lev. 11:3; Deut. 14:6). Allen Wiederkäuern fehlen die oberen Schneidezähne. Alle Wiederkäuer haben gespaltene Hufen, ausgenommen das Kamel. Und alle Tiere, die gespaltene Hufen haben, sind Wiederkäuer, ausgenommen das Schwein.

Die gespaltene Hufe einer Kuh.

Das Kamel ist Wiederkäuer, aber kein Paarhufer.

Schädel eines Schafs.Im Oberkiefer fehlen Schneide und Eckzähne

3) Trifft man ein unbekanntes Tier in der Wüste und stellt fest, dass seine Hufen verstümmelt sind, so untersuche man das Maul. Hat es keine oberen Schneidezähne, so ist es ein koscheres Tier — vorausgesetzt, man kann Kamele erkennen. Ist das Maul abgetrennt, untersuche man die Hufen: Sind die Hufen gespalten, so ist das Tier koscher, — vorausgesetzt, man kann Schweine erkennen.

Trifft man ein Tier, dessen Hufen und Maul verstümmelt sind, untersuche man nach dem Schächten den äußeren Hüftlochmuskel. Sind die Muskelfasern dort kreuzweise angelegt, so ist es koscher. Dies gilt nur in dem Fall, wenn man einen Wildesel ausschließen kann.

4) Gebiert ein koscheres Tier ein Junges, das einem unkoscheren Tier ähnelt, — obwohl es weder Wiederkäuer noch Paarhufer ist, sondern genauso aussieht wie ein Esel oder wie ein Pferd, ist das Tier zum Verzehr geeignet. Wann gilt das? Wenn es in unserem Beisein gebiert. Lässt man dagegen die trächtige Kuh in der Herde und man findet dort ein Schwein, das der Kuh ständig nachläuft und sogar von ihr säugt, so liegt hier ein Zweifel vor und das Tier ist zum Verzehr verboten. Vielleicht hat es ein unkoscheres Tier geboren und es läuft jetzt dem koscheren hinterher.

5) Gebiert ein unkoscheres Tier ein Junges, das einem koscheren ähnelt, — obwohl es Paarhufer und Wiederkäuer ist und genauso aussieht wie ein Ochse oder wie ein Schaf, ist es zum Verzehr verboten, denn alles, was dem unkoscheren Tier entspringt, ist unkoscher; alles was dem koscheren entspringt, ist koscher. Findet man einen unkoscheren Fisch im Bauch eines koscheren Fisches, ist er demzufolge verboten. Findet man einen koscheren Fisch im Bauch eines unkoscheren Fisches, ist er erlaubt. Denn er hat ihn verschluckt und nicht gezeugt, da Fische laichen.

6) Gebiert ein koscheres Tier oder findet man in in ihm ein Tier mit zwei Rücken und zwei Wirbelsäulen, so ist es zum Verzehr verboten. Dieses wird in der Tora „Schesua” (Gespaltenes) genannt: „Doch von denen, die wiederkäuen, und von denen mit ganz gespaltenen Klauen (Schesua), dürft ihr diese nicht essen.“ (Dt.14:7). Das ist ein Tier, das als zwei Tiere geboren wurde (einer Art siamesischer Zwilling).

7)Ebenfalls ein dem Vogel ähnelndes Tier in einem Vieh: Obwohl es wie ein koscherer Vogel aussieht, ist es zum Verzehr verboten. Nur wenn man ein Tier mit Hufen in einem Vieh findet, ist es erlaubt.

8) Vom Vieh und vom Wild sind auf der ganzen Welt nur die zehn Arten erlaubt, welche die Tora aufzählt. Die drei Arten vom Vieh: Rind, Schaf und Ziege. Die sieben Arten vom Wild: Gazelle, Hirsch, Antilope, Steinbock, Addax, Bison und Giraffe. Beinhaltet sind auch Unterarten wie Auerochse und Büffel, beide gehören den Rindern an. Alle diese zehn Arten und ihre Unterarten sind Paarhufer und Wiederkäuer. Deshalb muss man diese Tiere nicht nach den Erkennungsmerkmalen untersuchen, wenn man sie kennt und erkennt.

Die auserwählten Zehn

Ein Rind – ein koscheres Rind

Schaf

Ziege

Antilope

Gazelle

Hirsch

Steinbock

Addax

Bison

Giraffe

Unterschiede zwischen Vieh und Wild
9) Obwohl all diese Tiere zum Verzehr erlaubt sind, müssen wir einen Unterschied machen zwischen koscherem Vieh und koscherem Wild. Beim Wild ist das Fett erlaubt und das Blut muss nach dem Schächten bedeckt werden. Beim Vieh wird der Verzehr vom Fett mit Karet (Ausrottungsstrafe) bestraft und sein Blut muss nicht bedeckt werden.

10) Die Erkennungsmerkmale für Wild gemäß der mündlichen Tradition sind diese: Wiederkäuer und Paarhufer, deren Hörner sich verzweigen wie beim Hirsch, sind zweifellos koscher. Verzweigen sich die Hörner nicht, sondern sind gebogen wie beim Rind oder wirbelartig eingekerbt wie bei der Ziege oder spiralförmig gedreht wie bei der Gazelle, dann ist das ein koscheres Tier. Das sind die Erkennungsmerkmale für Hörner: gebogen, eingekerbt oder spiralförmig gedreht.

Hornformen

11) Wann gilt das? Wenn man das Wild nicht erkennt. Dagegen sind die sieben Tiere, die in der Tora aufgezählt sind, koscher, wenn man sie erkennt, auch wenn sie keine Hörner haben. Man kann ihr Fett essen und muss ihr Blut bedecken.

12) Der Auerochse gehört zum Vieh. Das Einhorn(?)/Giraffe/Keresch hat nur ein Horn, gehört aber zum Wild. Wenn man im Zweifel ist, ob ein Tier zum Vieh oder zum Wild gehört, dann ist sein Fett verboten — Peitschenhiebe werden dafür aber nicht gegeben — und sein Blut muss bedeckt werden.

13) Es gibt ein Hybrid, eine Kreuzung aus jeweils koscherem Vieh und Wild, namens „Koi”. Sein Fett ist verboten — Peitschenhiebe werden dafür nicht gegeben — und sein Blut muss bedeckt werden. Unkoschere Tiere können niemals von koscheren Tieren befruchtet werden.

Erkennungsmerkmale der Vögel
14) Die Erkennungsmerkmale für koschere Vögel nennt die Tora nicht, sondern zählt nur die unkoscheren Arten auf. Alle nicht aufgezählten Arten sind erlaubt. Die vierundzwanzig unkoscheren Arten sind diese: 1) Adler; 2) Bartgeier; 3) Mönchsgeier; 4) Milan, das ist der Raah in Deuteronomium (Dt. 14:13); 5) Habicht, das ist der Dajah in Deuteronomium (ebenda); 6) Eine Art Habicht; denn über den Habicht steht „nach seiner Art“ (Lev. 11:14); es umfasst also zwei Arten;7) Raben; 8) Star, denn über den Raben steht: „nach seiner Art“ (Lev. 11:15), es schließt den Star mit ein; 9) Strauß; 10) Schwalmvogel; 11) Möwe; 12) Falke; 13) Schurnika, es ist einer Art der Falken, denn es steht „nach seiner Art“ (Lev. 14:16); 14) Steinkauz; 15) Fischadler; 16) Ohreule; 17) Schleiereule; 18) Schwan; 19) Schmutzgeier; 20) Storch; 21) Reiher; 22) Eine Arten der Reiher, denn es steht über Reiher: „nach seiner Art“ (Lev.11:19); 23) Wiedehopf; 24) Fledermaus. Das sind die vierundzwanzig.

Die unkoscheren Vögel

Adler

Bartgeier

Mönchsgeier

Milan

Habicht

Star

Strauß

Falke

Schwalmvogel

Steinkauz

Fischadler

Storch

Wiederhopf

Reiher

15) Wer ein Fachmann ist und sich mit Vögeln und ihren Namen auskennt, kann alle Vögel essen außer diesen, ohne sie zu untersuchen. Koschere Vögel werden gemäß der Tradition gegessen, die an verschiedenen Orten vorherrscht. Ein Jäger ist glaubwürdig, der sagt: „Mein Lehrer hat mir diesen Vogel erlaubt.“ Vorausgesetzt, dass dieser Jäger ein Fachmann von Ruf ist, der sich mit diesen Vögeln und ihren Arten auskennt.

16) Wer kein Fachmann ist und sich mit Vögeln und ihren Namen nicht auskennt, der suche nach Erkennungszeichen, die unsere Rabbiner festgelegt haben: Wenn ein Vogel beim Fressen mit dem Fuß auf seine Nahrung tritt, so ist er bestimmt unkoscher. Ansonsten darf man den Vogel essen, wenn er eine der folgenden drei Eigenschaften hat: Er hat eine zusätzliche, vierte Zehe am Fuß oder einen Kropf, oder die Membran seines Magens kann mit der Hand abgezogen werden.

Eigenschaften koscherer Vögel

Vogelfuß

Vogel Anatomie

17) Alle verbotenen Vögel, die mit dem Fuß auf ihre Nahrung treten, haben eine der oben genannten Eigenschaften außer dem Mönchsgeier und dem Bartgeier. Aber diese beiden Vögel leben nicht in bewohnten Gebieten, sondern nur in Wüsten und fernen Ländern, weit weg von Menschen.

18) Es besteht ein Zweifel, ob der Vogel koscher ist, wenn sich die Membran des Magens mit dem Messer, aber nicht mit der Hand abziehen lässt, obwohl er mit seinem Fuß nicht auf seine Nahrung tritt. Ist die Membran fest und klebt eng am Magen; wird der Magen der Sonne ausgesetzt, sodass die Membran locker wird und mit der Hand abgezogen werden kann, dann ist der Vogel erlaubt.

19) Laut einer Tradition der Geonim darf man Vögel nicht nur anhand eines einzelnen Merkmals zum Verzehr erlauben, außer dieses Merkmal besteht darin, dass man bei ihnen die Membran des Magens abziehen kann. Wenn die Membran sich nicht abziehen lässt, darf man den Vogel nicht essen, auch wenn er einen Kropf und eine zusätzliche Zehe hat.

20)Alle Vögel sind nicht koscher, die ihre Zehen teilen, wenn man ihnen einen Faden spannt, jeweils zwei Zehen auf jeder Seite, oder ihre Beute in der Luft packen und in der Luft fressen. Jede Art Vogel, das mit einer unkoscheren Art lebt und ihr ähnelt, ist selbst unkoscher.

Merkmale koscherer Heuschrecken
21)Acht Arten von Heuschrecken hat die Tora erlaubt: 1) Springheuschrecke; 2) Eine Art der Springheuschrecke ist Duwnit; 3) Laubheuschrecke; 4) Eine Art der Laubheuschrecke ist Azronja; 5) Wanderheuschrecke; 6) Eine Art der Wanderheuschrecke ist der Vogel der Weinberge; 7) Feldheuschrecke; 8) Eine Art der Feldheuschrecke ist Jochana aus Jerusalem.

Koschere Heuschrecken

Wüstenheuschrecke (Schistocerca Gregaria)

Afrikanische Wanderheuschrecke (Locusta Migratoria)

Marokkanische Heuschrecke (Dociostaurus Marocanus)

22) Wer Fachmann ist und ihre Namen kennt, der darf sie essen. Der Jäger ist glaubwürdig wie beim Vogel. Wer kein Fachmann ist, untersuche die Erkennungszeichen. Es gibt drei Erkennungszeichen: Hat sie vier Beine, vier Flügel, die den Großteil des Körpers nach Länge und Breite bedecken, zwei Springbeine, dann ist sie koscher. Auch wenn ihr Kopf breit ist und sie einen Schwanz hat, so ist sie koscher, sofern sie nur „Heuschrecke” (Chagaw, „Springheuschrecke”) heißt.

Merkmale koscherer Fische
24) Fische haben zwei Erkennungszeichen: Flossen und Schuppen. Flossen sind das, womit er schwimmt. Die Schuppen dagegen haften am ganzen Körper. Alle Fische, die Schuppen haben, haben Flossen. Hat er zur Zeit keine Schuppen, die aber noch in Zukunft wachsen, oder hat er Schuppen während er im Wasser ist, wenn er auftaucht wirft er die Schuppen ab, dann ist er koscher. Wenn die Schuppen nicht den ganzen Körper bedecken, ist er erlaubt. Sogar wenn der Fisch nur eine Flosse und eine Schuppe hat, ist er erlaubt.

Schuppen

ZWEITES KAPITEL — Die Verbotenen Arten, das Ungeziefer

Verbote des unkoscheren Viehs und Wilds
1)Das Aus der Schriftstelle: „alles Vieh, das hufgespalten ist und wiederkäut, sollst du essen“ (Dt. 14:6) weiß ich, dass alles, was nicht hufgespalten und wiederkäuend ist, verboten sein muss. Ein Verbot, das aus einem Gebot gefolgert wird, bleibt ein Gebot. Beim Kamel, Hasen und Klippschliefer heißt es: „diese sollt ihr nicht essen unter den Wiederkäuern“ (Lev. 11:4; Deut. 14:7). Daran siehst du, dass sie verboten sind, obwohl sie doch ein Zeichen (wiederkäuend) haben; erst recht anderes unkoscheres Vieh oder Wild, das gar keines der Zeichen hat. Das Verbot, sie zu essen, tritt noch zu jenem Gebot hinzu.

2) Demzufolge wird geschlagen, der das Maß einer Olive an unkoscherem Vieh oder Wild isst. Gleichgültig, ob er vom Fleisch oder Fett isst, denn die Tora unterscheidet bei den verbotenen Tieren nicht zwischen Fleisch oder Fett.

Der Mensch
3) Obwohl über den Menschen steht: „Der Mensch werde zum besselten Tier.“ (Gen.2:7), gehört er nicht zu den Landtieren. Er ist also nicht aufgrund eines negativen Gebotes verboten, und wer von seinem Fleisch oder Fett isst, sei es vom lebenden oder toten, wird nicht geschlagen. Dennoch ist er aufgrund eines (positiven) Gebotes verboten. Denn die Tora zählt sieben Landtiere auf und sagt über sie: „Diese Tiere sollt ihr essen.“ (Lev. 11:2) — andere also nicht. Ein Verbot, das aus einem Gebot gefolgert wird, bleibt ein Gebot.

Das Verbot von unkoschere Fische und Vögel
4)Wer das Maß einer Olive von einem unkoscheren Vogel isst, wird laut der Tora geschlagen, da es heißt: „und diese sollt ihr verabscheuen von den Vögeln, esst sie nicht“ (Lev. 11:13). Damit übertritt er ein (positives) Gebot, denn es heißt: „jeden koscheren Vogel könnt ihr essen” (Deut. 14:11) — unkoschere Vögel also nicht. Ebenso wird jemand geschlagen, der das Maß einer Olive von einem unkoscheren Fisch isst, denn es heißt: „ein Abscheu sollen sie euch, von ihrem Fleisch sollt ihr nicht essen” (Lev. 11:11). Damit übertritt er auch ein (positives) Gebot, denn es heißt: „alles, was Flossen und Schuppen hat, könnt ihr essen.” (Deut. 14:9) — was keine Flossen und Schuppen hat, dürft ihr also nicht essen. Insgesamt ergibt sich: Wer das Maß einer Olive isst von einem unkoscheren Fisch, unkoscherem Vieh, Wild oder Vogel, der übertritt ein positives und ein negatives Gebot. „Diese Tiere sollt ihr essen.“ (Lev. 11:2) — andere also nicht. Ein Verbot, das aus einem Gebot gefolgert wird, bleibt ein Gebot.

Das Verbot von fliegenden Ungeziefer
5) Unkoschere Heuschrecken gehören zu den kriechenden Ungeziefern. Wer das Maß einer Oliven von ihnen isst, wird geschlagen, denn es steht: „jedes fliegende Ungeziefer soll euch unrein (=unkoscher) sein; es soll nicht gegessen werden“ (Deut. 14:19). Was ist das fliegende Ungeziefer? Z. B. die Fliege, die Mücke, die Biene, die Hornisse und Ähnliches.

Das Verbot des Ungeziefers der Erde
6) Wer das Maß einer Olive vom Ungeziefer der Erde isst, wird geschlagen, denn es heißt: „und jedes auf der Erde kriechende Ungeziefer ist ein Abscheu, es soll nicht gegessen werden” (Lev. 11:41). Und was ist das Ungeziefer der Erde? Z. B. Blindmäuse, Eidechsen, Schlangen, Skorpione, Käfer und Tausendfüßler und Ähnliche.

7) Die acht Arten Ungeziefer, die in der Tora aufgeführt werden — der Maulwurf, die Maus und alle Arten von Dornschwanzechsen, der Gecko, der Waran, die Eidechse, die Blindschleiche und das Chamäleon (Lev. 11:29) — wer von ihrem Fleisch das Maß einer Linse isst, wird geschlagen. Das Maß, ab dem man bei ihnen von Essen sprechen kann, ist gerade so groß wie das Maß, ab dem sie verunreinigen. Alle acht werden zum Maß einer Linse zusammengezählt.

8) Wann gilt das? Wenn man sie nach ihrem Tod ist. Wer aber ein Glied von einem lebenden Tier abschneidet und es isst, wird nicht geschlagen, bis er das Maß einer Olive gegessen hat — alle werden zum Maß einer Olive zusammengezählt. Wer ein vollständiges Glied von einem toten Ungeziefer ist, wird nur geschlagen, wenn es mindestens das Maß einer Linse hatte.

9) Das Blut und Fleisch der acht Ungeziefer wird zum Maß einer Linse zusammengezählt, aber nur, wenn das Blut mit dem Fleisch verbunden ist. Ähnlich werden Blut und Fleisch der Schlange zum Maß einer Olive zusammengezählt, und man wird auch dafür geschlagen, weil ihr Fleisch und Blut nicht getrennt sind, obwohl es nicht verunreinigt. Dasselbe gilt auch für alle übrigen Ungeziefer, welche nicht unrein machen.

10) Ist das Blut der Ungeziefer von ihrem Fleisch getrennt, und jemand sammelt und isst es, so wird er ab dem Maß einer Olive geschlagen. Das gilt aber nur, wenn man ihn vor dem Verbot „Essen von Ungeziefern” verwarnt hat. Hat man ihm aber vor dem Verbot „Essen von Blut” verwarnt, wird er nicht geschlagen, denn man wird nur für das Blut von wilden und domestizierten Tieren sowie Geflügel schuldig. (Aber nicht von Ungeziefer)

11) Diese verschiedenen Maße sind eine dem Mosche am Sinai übergebene Tradition.
Das Verbot des Ungeziefers des Wassers

12) Wer das Maß einer Olive von einem Wasser-Ungeziefer isst, wird nach der Tora geschlagen, da es heißt: „Macht eure Seelen nicht zu einem Abscheu durch irgendwelches Ungeziefer, das wimmelt, und verunreinigt euch nicht durch dieses“ (Lev. 11:43). Dieses Verbot umfasst Land-Ungeziefer, Flug-Ungeziefer und Wasser-Ungeziefer. Was ist das Wasser-Ungeziefer? Es handelt sich um kleine Lebewesen, wie Würmer, und Egel im Wasser, wie auch sehr große Lebewesen, welche wilde Wassertiere darstellen. Allgemein lässt sich sagen: Es umfasst alles, was nicht die Gestalt von Fischen hat, weder die eines koscheren noch eines unkoscheren Fisches, wie etwa den Seehund, den Delphin, den Frosch und Ähnliches.

Das Verbot des kriechenden Ungeziefers
13) Folgendes sind die Arten, die in Misthaufen und Aasen entstehen: Fäulnis(würmer) und Würmer und Ähnliches, die nicht durch geschlechtliche Fortpflanzung entstehen, sondern durch verfaulte Ausscheidungen und Ähnliches — diese heißen „auf der Erde Kriechende”. Wer von ihnen das Maß einer Olive isst, wird geschlagen, denn es heißt: „und verunreinigt nicht eure Seelen durch jedes Ungeziefer, das auf der Erde kriecht” (Lev. 11:44) — auch wenn sie sich nicht geschlechtlich fortpflanzen. Aber „das auf der Erde Wimmelnde” pflanzt sich sehr wohl geschlechtlich fort.

Das Verbot der Fruchtwürmer
14) Folgendes sind die Arten, die in Früchten und Speisen entstehen. Wenn sie sich loslösen und sich in der Erde bewegen, obwohl sie wieder in die Speise zurückkehren — wer von ihnen das Maß einer Olive isst, wird geschlagen, denn es steht: „alles Ungeziefer, das auf der Erde kriecht — davon sollt ihr nicht essen, denn es ist ein Abscheu” (Lev. 11:42) — das verbietet alles, was sich in der Erde bewegt. Bewegt es sich aber nicht zur Erde, darf man sowohl die Frucht wie auch den darin befindlichen Wurm essen.

15) Wann gilt dies? Nur dann, wenn die Frucht erst wurmstichig wird, nachdem sie von der Erde getrennt wurde. Wird sie aber wurmstichig, während sie noch mit der Erde verbunden ist, so ist dieser Wurm verboten, als sei er aus der Erde entsprungen, weil er aus der Erde entstanden ist — seinetwegen wird geschlagen. Der Zweifelsfall ist verboten. Deshalb darf man alle Früchte, die wurmstichig werden, solange mit der Erde verbunden, nicht essen, bis man das Innere der Frucht kontrolliert hat, denn sie könnte einen Wurm enthalten. Ruhte die Frucht aber zwölf Monate, nachdem sie geerntet wurde, kann man sie ohne Kontrolle essen, denn der Wurm hält sich dort keine zwölf Monate.

16) Strömen die Würmer aus der Frucht in die Luft aus, ohne die Erde zu berühren, oder strömen sie teilweise in die Erde aus, oder strömen sie nach ihrem Tod aus, oder wurde ein Wurm auf dem Samen von innen gefunden, oder kamen sie aus der einen Speise in eine andere — sind sie alle als Zweifelsfall verboten; man schlägt ihretwegen nicht.

Das erlaubte Ungeziefer
17) Ein Wurm, der in den Gekrösen von Fischen oder im Gehirn eines Rindes oder im Fleisch gefunden wird, ist verboten. Aber ein gesalzener Fisch, der vom Wurm befallen wird — dieser Wurm ist erlaubt, denn sie werden wie Früchte betrachtet, die wurmstichig wurden, nachdem sie von der Erde getrennt wurden; diese sind zum Verzehr allesamt geeignet, mitsamt dem darin befindlichen Wurm.
Ebenfalls das Wasser in Gefäßen, in welchem sich ein Gewimmel entwickelt — dieses Gewimmel darf man mit dem Wasser trinken, da es heißt: „alles, was Flossen und Schuppen im Wasser, den Gewässern und Flüssen hat, diese dürft ihr essen“ (Lev. 11:9), d. h., im Wasser, in Gewässern und in Flüssen darfst du diese essen und nicht diejenigen, denen diese Merkmale fehlen, aber in Gefäßen darfst du alle essen, ob sie die Merkmale haben oder nicht.

18) Das Gewimmel, das sich in Gruben, Brunnen oder Höhlen entwickelt — da es kein fließendes Wasser ist, sondern gestaut, gilt es wie Wasser in Gefäßen, daher ist es erlaubt. Er kann sich herunterbeugen und sorglos trinken, sogar wenn er dabei kleine Tierchen verschluckt.

19) Wann gilt das? Wenn sich die Würmer vom Ort ihrer Entstehung nicht loslösen; tun sie das aber, ist es verboten, mögen sie auch in das Gefäß oder die Grube zurückkehren. Löste sich der Wurm von den Wänden eines Fasses und fiel wieder in das Wasser oder das Gebräu — ist es erlaubt. Ebenfalls ist es erlaubt, wenn er sich von den Wänden der Grube oder Höhle loslöst und ins Wasser fällt.

20) Wer Wein oder Essig oder Bier filtriert und von den Fliegen oder Mücken oder sonstigen Insekten isst, die er herausgefiltert hat, wird wegen Wasser-Ungeziefer oder Flug-Ungeziefer und Wasser-Ungeziefer geschlagen, sogar wenn sie nach der Filterung in das Gefäß zurückkehren, denn sie haben sich vom Ort ihrer Entstehung losgelöst. Hat er nicht gefiltert, kann er sorglos trinken, wie wir erklärt haben.

Die Olivengröße
21) Mit der Wendung „wer das Maß einer Olive isst” in diesem Kapitel meinen wir, dass er von einem größeren Lebewesen gegessen oder von verschiedenen kleineren Lebewesen derselben Art gesammelt hat, bis er das Maß einer Olive gegessen hat. Wer aber ein vollständiges, unkoscheres Lebewesen isst, wird nach der Tora immer geschlagen, mag es auch kleiner als ein Senfkorn sein, ob es lebend oder tot ist. Auch wenn das Lebewesen verdorben und verwesen ist, wird er doch geschlagen, wenn er es vollständig gegessen hat.

Die Verbote, die sich ergänzen
22)Wegen einer Ameise, der auch nur einer ihrer Füße fehlt, wird man erst nach Verzehr des Maßes einer Olive geschlagen.
Wer demzufolge eine vollständige Fliege oder eine vollständige Mücke isst — sei es lebend, sei es tot —, wird wegen Flug-Ungeziefer geschlagen.

23) War das Lebewesen ein Flug-Ungeziefer, dem Wasser-Ungeziefer oder dem Erd-Ungeziefer, hatte es Flügel, lief auf der Erde wie alles übrige Ungeziefer und vermehrte sich im Wasser — wer es isst, wird drei Maße geschlagen. Wenn das Lebewesen darüber hinaus noch den Arten zugehört, die in Früchten entstehen, empfängt er vier Maße Schläge. Gehört es schließlich noch den Arten an, die sich geschlechtlich fortpflanzen, empfängt er fünf Maße Schläge. Wenn es den unkoscheren Vögeln eher als dem Flug-Ungeziefer ähnelt, empfängt man sechs Maße von Prügelstrafe: wegen des Essens unkoscherer Vögel, Erd-Ungeziefer, Wasser-Ungeziefer, auf der Erde wimmelndes Ungeziefer, und wegen der Würmer in den Früchten, ob er es vollständig oder nur das Maß einer Olive davon isst. Isst also jemand eine fliegende Ameise, die dem Wasser entstammt, empfängt er fünf Maße von Prügelstrafe.

24) Wer Ameisen anschneidet und eine vollständige sowie einige angeschnittene zum Maß einer Olive zusammenfügt und sie ist, empfängt sechs Maße von Prügelstrafe: fünf wegen der vollständigen Ameise, und eine wegen der angeschnittenen Ameisenleiche.