Midrasch

Jerusalem im Midrasch

Die Stadt des Tempels, der Könige und Propheten, einst der stolze Mittelpunkt Israels, sodann bis auf den Grund zerstört, war bei den Späteren naturgemäß dauernd der Gegenstand rührender Erinnerungen und hoffnungsfreudiger Ausmalung einer besseren glanzvollen Zukunft. Die Stellen, welche die Glorifizierung Jerusalems und seiner Zukunftshoffnungen behandeln, nehmen in Talmud und Midrasch einen solch breiten Raum ein, dass hier nur ein kleiner Ausschnitt davon wiedergegeben werden kann.

Der Lage der Stadt im Grenzgebiet von Jehuda und Benjamin, den beiden durch David zur Vorherrschaft gelangten Stämmen, wird im Talmud (Megillah 26a) besondere Bedeutung zugeschrieben. Der Name wird als aus den beiden Worten jerae und schalem zusammengesetzt erklärt.
Abraham nannte die Stadt Jerae (Gen. 22,14), Sem nannte sie (Gen. 14, 18) Schalem. Da sagte Gott: Nenne ich die Stadt Jerae, wie Abraham sie nannte, so wird Sem murren, nenne ich sie Salem, wie Sem sie nannte, so wird mir Abraham zürnen; so verbinde ich also beider Namen und nenne sie Jerusalem. Jerusalem galt als der geographische und moralische Mittelpunkt der Welt, voll frühester geschichtlicher Erinnerungen.

Jakobs Leiter stand in Jerusalem an der Pforte des Himmels an der Stelle des künftigen Heiligtums (Berschit Rabbah 69, 7).
Der Schetija-Felsen (Ewen schetija) war der Ausgangspunkt der Weltschöpfung; wie die Welt von Zion aus erschaffen worden ist, so wird auch ihre dereinstige Zerstörung, ebenso aber auch die zukünftige Erneuerung der Welt von Zion ausgehen (Joma 54b; Tanchuma Waj. zu 16, 1 ed. Buber, S. 59, und XIX, 23, S. 78; Midr. Ps. 50, S. 279).
Der Tempelberg und damit auch Jerusalem selbst ist höher gelegen als die ganze übrige Erde (b. Kidd. 69a; Sifre Deut. XVII, 8).
Dem irdischen Jerusalem liegt genau gegenüber und entspricht das ewige Jerusalem im Himmel (Ta’anit 5 a), dessen Pracht der Talmud rühmt (Sukka 51b).
Zehn Maß Schönheit kamen in die Welt, neun davon hatte Jerusalem (b. Kidd. 49b). Alles, was dieser Schönheit Eintrag tun konnte, war verboten. So z. B. war die Errichtung von Kalkbrennereien und Töpfereien, wegen der daraus entstehenden Rauchentwicklung, oder das Anlegen von Düngerstellen, wegen des üblen Geruches, untersagt (Baba Kamma 82b).
Die Straßen Jerusalems wurden täglich gefegt (Baba Metzia 26a); ebenso erfuhren die Märkte eine besondere Förderung (b. Beza 5 a).
Zehn Wunder geschahen in der Stadt (A. d. R. N. 35,1, S. 105), die die Wonne der ganzen Welt, die hervorragend durch ihre Weisheit (Echa Rabbah zu I, 4) und Gelehrsamkeit war; waren doch 480 Bethäuser mit Schulen darin (Talmud Jeruschalmi Megillah 3,1).
Besonders ausgezeichnet aber war Jerusalem durch seinen Charakter als Heiligtum, der selbst mit der Zerstörung des Tempels nicht aufgehört hat (b. Schew. 16 a.).
In Jerusalem Beten ist so viel als vor dem Throne der göttlichen Herrlichkeit Stehen (Midrasch Ps. 91, S. 400).
Gott hatte alle Städte geprüft, aber nur Jerusalem für geeignet befunden, die Stätte des Tempels zu werden (Waj. R. 13, 2).
Nicht minder farbig und trostreich wird im Midrasch die künftige Größe Jerusalems geschildert, die die frühere Herrlichkeit der Stadt noch weit übertreffen soll. Sie wird einst eine unermessliche Ausdehnung erhalten, alle Völker der Welt beherbergen können und die Hauptstadt der ganzen Erde werden (Schemot Rabbah 23, 10; Schir haschiriin Rabbah zu 1, 5).
Sowohl Jerusalem als auch der Messias werden einst mit dem Namen des Ewigen benannt werden (Baba Batra 75 b).
Eine alte Überlieferung besagte, dass Jerusalem nicht eher aufgebaut werden werde, als bis das zerstreute Israel aus allen Ländern wieder dort vereint sein wird (Tanchuma Bereschit. 9, ed. Buber, S. 44).
Wer über Jerusalem trauert, der wird sich am Wiederaufblühen der Stadt erfreuen dürfen (Taanit 30b).
Beim Anblick der zerstörten Stadt aber soll der Jude sprechen: »Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem zur Einöde« (Jes. 64, 9) und sein Gewand einreißen (M. K. 26a). Der Stadt Jerusalem gehört nicht bloß derjenige an, der dort geboren ist, sondern auch wer die Hoffnung hegt, die Wiederherstellung der Stadt zu sehen (Kettubot 75 a).

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Rabbiner Dr. Alexander Kristianpoller. Geboren 1884 in Lanowce, stammte aus einer Rabbinerfamilie, studierte in Wien und ging dann als Rabbiner nach Linz und Wien. Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich wurde ihm ein Visum für die USA verwehrt. Am 18. September 1942 wurde er in Maly Trostinec bei Minsk umgebracht.