Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 35

Du darfst aber nicht glauben, dass zu dem, was wir in den vorhergehenden Kapiteln von der Wichtigkeit, Dunkelheit und Schwerverständlichkeit, sowie davon, dass es der Allgemeinheit vorenthalten sei, vorausgeschickt haben, auch die Lehre gehört, dass man Gott nicht als Körper und nicht als ein einem Eindruck unterliegendes Wesen betrachten dürfe. Dem ist nicht so.

Vielmehr muss man, ebenso wie man in der Allgemeinheit ver­breiten und die Kinder darüber unterrichten muss, dass Gott nur Einer ist und dass man keinen außer ihm anbeten darf, ihnen durch Überlieferung auch beibringen, dass Gott kein Körper ist und dass es zwischen ihm und seinen Geschöpfen durchaus keine Ähnlichkeit in irgendeiner Hinsicht gibt, dass sein Dasein nicht so ist wie ihres, sein Leben nicht so wie das eines anderen Lebenden, sein Wissen nicht so wie das eines Menschen, der Wissen hat, und dass der Unterschied zwischen ihm und ihnen nicht bloß in einem Mehr oder Weniger besteht, sondern in der Art der Existenz; nämlich es ist notwendig, jedermann zum bleibenden Bewußtsein zu bringen, dass sich unser Wissen von seinem Wissen oder unsere Macht von seiner Macht nicht durch Mehr oder Weniger und nicht durch Stärke oder Schwäche und dergleichen unterscheidet. Denn Stärke und Schwäche werden notwendig von Dingen derselben Art ausgesagt, die in dem nämlichen Begriffsumfange enthalten sind, und ebenso kann auch irgendein Verhältnis tatsächlich nur zwischen zwei Dingen stattfinden, welche derselben Art unterstehen, wie bereits in der Physik auseinandergesetzt wurde. Alles aber, was sich auf Gott bezieht, ist in jeder Be­ziehung von unseren Attributen verschieden, so dass es nicht von demselben Begriffe umfasst werden kann. Und ebenso wird das Wort »Existenz« von dem Dasein Gottes und dem Dasein anderer Wesen, wie ich zeigen werde, nur homonym gebraucht. Für die Kinder und Laien genügt es jedoch bei der Konsolidierung ihrer Glaubensansichten, dass sie wissen: Es gibt ein vollkommenes Seiendes, das kein Körper und keine Kraft in einem Körper ist ; dieses ist Gott, der von keiner Art Mangel behaftet ist und somit nicht einer Einwirkung unter­worfen sein kann.

Hingegen sind die Erörterungen über die Eigenschaften Gottes, nämlich welche von ihm nicht ausgesagt werden können, und die Bedeutung derjenigen, die ihm zuge­sprochen werden, ferner über die Erschaffung dessen, was er erschaffen hat über die Art seiner Weltregierung und seiner Vorsehung für die Dinge außer ihm, dann die Begriffe von seinem Willen, seiner Erkenntnis und seinem Wissen dessen, was er weiß, ebenso der Begriff der Prophetie und ihrer Abstufungen und endlich die Bedeutung der Gottes­namen, die, wenn sie auch zahlreiche sind, dennoch nur den Einzigen bezeichnen, lauter sehr dunkle Gegenstände. Sie sind in Wahrheit die Geheimnisse der Tora, die geheimen Lehren, die allenthalben in den Prophetenbüchern und in den Worten unserer Weisen erwähnt werden. Und dies sind die Dinge, die, wie wir sagten, nur in den Hauptsachen und zwar nur dem schon oben geschilderten vorzüglichen Menschen beigebracht werden dürfen. Aber die Unkörperlich­keit Gottes und die Unzulässigkeit der Vorstellung, dass Gott mit einem Dinge vergleichbar oder einer Einwirkung unter­worfen sei, sind Dinge, die man jedem Menschen ihrer wahren Bedeutung gemäß erläutern, und die man Kindern, Frauen, Unwissenden und Denkunfähigen überliefern soll, so wie man ihnen überliefert, dass Gott einzig und ewig ist und dass man keinen anderen außer ihm anbeten darf. Denn es gibt keine Einheit außer mit Ausschluß der Körperlichkeit. Denn das Körperliche ist keine Einheit, es ist vielmehr aus Materie und Form zusammengesetzt, die begrifflich zweierlei sind, somit auch teilbar und der Teilung fähig. Wenn sie dies in sich aufgenommen haben und in dieser Lehre erzogen, aber durch einzelne Aussprüche der Prophetenbücher irre gemacht sind, erkläre man ihnen deren Bedeutung, setze sie ihnen nach und nach auseinander und mache sie auf die Mehrdeutigkeit der Wörter, die in diesem Buch enthalten sind, und auf deren figürlichen Sinn aufmerksam, so dass der wahre Glaube an die Einheit Gottes und an die Wahrhaftigkeit der Prophetenbücher vollkommen in ihrem Besitze sei. Wer aber nicht genug Urteils­kraft hat, um die Auslegung der Bibelverse und die Identität der Namen ungeachtet der Verschiedenheit ihrer Bedeutungen zu verstehen, dem sage man: Der betreffende Bibelvers ist den Gelehrten verständlich, du aber mögest wissen, dass Gott un­körperlich und keiner Einwirkung unterworfen ist. Denn die Passivität bedeutet eine Veränderung, Gott aber wird von keinerlei Veränderung betroffen. Mit Gott lässt sich ferner nichts außer ihm vergleichen, und Gott kann mit keinem Dinge in einem und demselben Begriffe zusammengefasst werden. Die Worte der Prophetie sind wahr, bedürfen aber einer Erklärung. An dieser Grenze bleibe man mit ihm stehen. Es darf aber kein Mensch dauernd bei dem Glauben beharren, dass Gott körper­lich sei, oder dass Gott etwas betreffen könne, was einen Körper betrifft, so wie er auch nicht bei dem Glauben verharren darf, dass es keinen Gott gebe, oder dass es in ihm etwas mit ihm Verbundenes gebe, oder dass man einen anderen außer ihm verehren dürfe.


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