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Heute ist der

Judentum ohne Grenzen




Rabbiner Baruch Rabinowitz - ehemals Wuppertal; Bild: judaic.de

von Rabbiner Baruch Rabinowitz

"...wenn wir einen näheren Blick auf unsere Gemeinden werfen, werden wir wahrscheinlich die interessante Entdeckung machen, dass in dem Prozess des Aufbaus des Judentums die wichtigste Komponente unserer Religion weggelassen wurde - unser G-tt. Wir bauen und praktizieren das Judentum ohne G-tt, weil es so wenig Platz für Ihn in unserem persönlichen Leben und im Gemeindenleben gibt. Der Glaube im Judentum ist aktiv und nicht passiv. Der Glaube zeigt sich in praktischen Taten und drückt sich spürbar in der ganzen menschlichen Existenz aus. Der Glaube vereinigt und schafft aus Gläubigen eine Familie, deren Mitglieder das gleiche Lebensverständnis miteinander teilen und sich zu einer bestimmten Lebensweise bekennen und die ihren gemeinschaftlichen Ausdruck in der Form der Religion findet. Sollte der Aufbau des Judentums nicht mit dem Aufbau dieses Glauben in jedem einzelnen von uns beginnen?" - talmud.de präsentiert Rabbiner Rabinowitz Plädoyer für ein verändertes Judentum.

Man kann nur noch selten in unserer Zeit eine Religionsgemeinschaft antreffen, die nicht über zu niedrige Besucher- und Mitgliederzahlen klagt. Die Menschen, insbesondere die Jungen, verlieren das Interesse an den klassischen Religionen. Viele treten aus. Viele andere bleiben nominell auf der Liste und verzichten auf einen Austritt, bleiben aber völlig passiv in Bezug auf das religiöse Leben. Die "Zwei-Tage-Christen" sind schon seit Jahrzehnten ein Begriff, was die aktuelle Lage auch realistisch beschreibt. Dem Judentum ist diese Problematik auch nicht fremd. Die Gemeinden sind in den letzten 10 Jahren zahlenmäßig erstaunlich gewachsen, dank der jüdischen Zuwanderung aus der Ex-UdSSR. Neue Synagogen wurden bundesweit gebaut und neue jüdische Einrichtungen entstehen. Trotz der regen Bautätigkeit sind die Synagogen bei den G-ttesdiensten halbleer. Durchschnittlich weniger als fünf Prozent der in Deutschland lebenden Juden nehmen an den regulären religiösen Veranstaltungen teil. Das deutsche Judentum befindet sich zurzeit in einer Entwurfsphase. Wie wird das Judentum in Deutschland in zwanzig Jahre aussehen? Kein anderes Land vor dem zweiten Weltkrieg hat so viele prominente jüdische Denker hervor gebracht wie Deutschland. Nicht umsonst wurde Berlin damals das "Jerusalem des Westens" genannt. Welche Aussichten hat aber die älteste monotheistische Religion weltweit überhaupt und in Deutschland im Besonderen?

Das Judentum ist eine antike Religion. Wie alle anderen geht sie auf einen Stammeskult zurück - den Stammeskult der antiken Hebräer. Seit Anbeginn der Zeiten haben die Menschen ihre ersten Erfahrungen mit G-tt gemacht. Sie haben alles als göttlich angesehen - die Mineralienwelt, die Pflanzenwelt, die Tierwelt. Und natürlich auch die Menschenwelt, die als Verbindung zu den unzähligen geistlichen und geistigen Welten dienen sollte. Die Menschen haben sich aber von den ursprünglichen Quellen des Lebens und ihren Kräften mehr und mehr entfernt und ihre Religionen und Kulte auf diesem Weg mitgenommen und konserviert. Die religiöse Entwicklung - so gesehen - zeugt eher von einer Degeneration statt von einem Progress. Ein Same wird zu einer Wurzel und wächst zu einem Baum. Je weiter die Blätter von der Wurzel entfernt sind, desto weniger Kraft haben sie. Die Religionen sind mehr und mehr verweltlicht und säkularisiert worden und ihre Führer wurden immer korrumpierbarer. Die Religion wurde einer kommerziellen Struktur unterworfen, wodurch sie zu einem beliebigen Konsumartikel verkommen ist und einen totalen Sinnverlust erlitten hat.

Um G-tt und die Göttlichkeit der Natur und der ganzen Schöpfung erfahren zu können, müssen wir zurück zu den Wurzeln!

Das Judentum ist eine der Religionen im großen, farbigem und universalen Regenbogen der Religionen. Es ist eine Philosophie des Lebens, geprägt von den ganz besonderen Erfahrungen, die die Hebräer, Israeliten und dann später das jüdisches Volk gemacht haben. Das Judentum ist durch viele verschiedene Entwicklungsphasen gegangen. Die Gestalt und der Inhalt wurden mehrmals verändert. Als eine interaktive Religion hat das Judentum während seiner unendlichen, fast ununterbrochenen Reisen durch alle fünf Kontinente viel von anderen Religionen, Kulten und Kulturen in sich aufgenommen, hat mehrere andere Religionen beeinflusst und konnte trotzdem während dieses Prozess seine Einzigartigkeit bewahren. Das Judentum ist ein lebendiger sich immer weiter entwickelnder Organismus. Die jüdischen Gelehrten, die das Judentum gestaltet haben, wussten um die unersetzlichen Qualitäten wie Flexibilität und Toleranz und waren jeder Zeit bereit, neue Wege jenseits jeder "Sackgassendenkweise" zu gehen. Dies hat es möglicht gemacht, dass das Judentum in verschiedenen Ländern und Kulturen während der fast 4000-jährigen Wanderung nur bereichert wurde und nichts verloren hat.

Das Judentum war immer innovativ und offen und hat den Mut bewiesen, den alten Werten und Geboten eine immer neue, frische und zeitrelevante Deutung zu geben. "Es gibt niemals auf eine Frage die Antwort "Ja" oder "Nein" im Judentum", - sagte immer mein Rabbiner in Jerusalem, "die Antwort ist immer: es ist von der Situation abhängig!" Die ursprüngliche Stammreligion der Hebräer, der wenige Familienverbände angehörten, hat immer mehr neue Angehörige gewonnen. Auch diese sind dann Hebräer geworden (Hebräer heißt auf hebräisch "zu überqueren"; ein Jude zu sein, bedeutet zu einem der 12 Stämme in Israel, - dem Stamme Juda zugehören. Zehn Stämme sind vermutlich noch während des Ersten Tempels oder kurz nach seiner Zerstörung verloren gegangen. Das heißt, dass sich deren Angehörige assimiliert und eine andere Religion gewählt haben) und zählten zu den Familien.
Später wurden die Anhänger der hebräischen Religion auch Israeliten genannt, nach dem geistlichen, an letzten von den drei Patriarchen von G-tt gegebenen Namen, - Jakob. Die beiden Namen (Hebräer und Israeliten) zeugen von einer geistlichen Entwicklung und Veränderung, die durch das physische Zeichen des Bundes besiegelt wurde, - die Beschneidung. Einer der Zentralunterschiede zu vielen anderen Religionen war der monotheistische Glaube. Der Monotheismus schließt nicht aus, dass es verschiedene göttliche und übernatürliche Kräfte gibt. Er verweist aber darauf, dass alles nur aus einer einzigen Quelle stammt und einen Ursprung hat, - nämlich den einzigen G-tt, der alles geschaffen hat und der alles unter Kontrolle hat (was jedoch längst nicht heißt, dass G-tt alles kontrolliert!). Das Judentum ist immer eine sehr tolerante und offene Religion gewesen, die mit der Zeit ein wunderbares Mosaik von Ost und West, Nord und Süd geschaffen und in seinen Glauben und seine Lehre erfolgreich integriert hat.

Im Laufe der neueren Geschichte nach der zweiten Tempelzerstörung bei Titus im Jahr 70 lebten die Israeliten schon zwischen Asien und Europa zerstreut. Es entwickelten sich dann zwei prägnante ethnischen sowie auch religiöse Strömungen, - wir sprechen von der sefardischen Kultur in Spanien und im Orient und der aschkenazischen Kultur in Frankreich, Zentral- und Osteuropa. Diese zwei Kulturen erfuhren ein völlig unterschiedliches Schicksal. Während die Orientaljuden Spitzenpositionen an königlichen Höfen bekleideten und an den Fortschritten der Naturwissenschaften aktiv beteiligt waren, wurden ihre aschkenazischen Brüder in Ghettos eingesperrt und verfolgt.
Das rabbinische Judentum wird zu einem Ghettojudentum transformiert und dieses Echo von Verfolgung und Schmerz wird immer noch stark präsent. Angefangen mit den christlichen Verfolgungen, den Kreuzzügen und "Blood Labels" und zuende gegangen mit der Vernichtung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges, ist die Geschichte des Judentums erfüllt mit Leiden und Schmerz.
Aus den großen Städten vertrieben, müssen sich die Juden in kleinen Dörfer zurecht finden. Im 18. Jahrhundert sind über 40% der Männer in Polen und der Ukraine arbeitslos und auf die Ausübung bestimmter Berufe beschränkt. Nur 5% der Frauen können lesen oder schreiben. Dieser dreihundertjährige Leidensweg hat natürlich einige schmerzvolle Spuren hinterlassen.
Das Judentum hat sich von einer offenen, sich immer weiter entfaltenden und dynamischen Religion, die zur Gesamtentwicklung von Kultur, Wissenschaft und Philosophie in hohem Maße beigetragen hat, in eine begrenzte, dunkle, intolerante und abweisende Religion verwandelt.
Die fortschreitende Säkularisierung hat den Platz der Religion in der Gesellschaft auch verändert; die Religion wurde aus der Mitte der Gesellschaft an den Rand gedrängt. Wir leben in einer Welt, in der die Ausübung religiöser Riten und die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen nicht mehr zu den allgemeinen Verpflichtungen zählt. Die Religion öffnet weder noch verschließt die Türen zu der öffentlichen Welt, wie dies früher war, als die Religion zu einem Bestandteil der Regierungsmacht verwandelt wurde und von den führenden Kräften jahrtausendelang missbraucht wurde. Die Religion ist heute nicht mehr eine Bewegung der Massen. Heute stehen alle Menschen vor der Wahl, religiös oder areligiös zu sein. Sie können auch wählen, wie engagiert oder wie passiv sie bleiben möchten. Viele entscheiden sich für eine areligiöse Existenz und verlassen auch oft die religiösen Einrichtungen.
Das, was von den Institutionen als Verlust beklagt wird, sehe ich doch als einen der größten Vorteile, als Chance und ein Geschenk G-ttes für die Menschen in unserer Zeit an.
Obwohl die vielen Austritte natürlich eine sehr schwere finanzielle Belastung für die institutionellen religiösen Einrichtungen bedeuten, muss die Frage erlaubt sein, warum sollen Institutionen weiterhin unterstützt werden, wenn sie ihre Aufgabe als geistliche Führer nicht mehr erfüllen können?
Niemand wird wohl gern etwas unterstützen, an das er nicht glaubt. Die heute existierenden religiösen Einrichtungen sollten versuchen, sich von dem allgemein herrschenden Konsumgedanken und ihrem eigennützigen Machterhalt und der Bestandssicherung abzuwenden. Ist es nicht so, dass die Religion die Erwartungen und die Bedürfnisse ihrer Angehörigen erfüllen sollte? Man muss sich von dem Gedanken, dass Religion ein Geschäft ist, verabschieden und wieder zu den Ursprüngen zurückkehren, als die Religion der Menschheit treu und selbstlos diente.
Deswegen können wir die Säkularisierung als einen wichtigen Schritt in der allgemeinen Religionsentwicklung betrachten, als eine Art Katharsis, einen natürlichen Ausfall oder Wegfall von Mitgliedern, die kein Interesse an Religion haben und in früheren Generationen nur gezwungen waren, religiösen Einrichtungen nominell anzugehören.
Das gilt natürlich auch für die Juden und das Judentum. Die Juden stehen heute auch vor der freien Wahl, eine Religion zu praktizieren oder sie abzulehnen. Obwohl die meisten von uns immer noch nicht den Mut haben, dies einzugestehen, ist das schon seit Jahrzehnten zu einer Tatsache geworden.
Die Juden heute bekennen sich zum Christentum und Islam, Buddhismus und Hinduismus, praktizieren New Age Kulte oder bleiben Atheisten. Auf der anderen Seite, wie es auch früher immer gewesen ist, zeigen relativ viele "Nicht-Juden" ein Interesse am Judentum mit dem Wunsch später zu konvertieren.
Ist nicht jetzt die Zeit gekommen, das Judentum aus dem episodalen Ghetto der letzten 300 Jahre zu befreien und stattdessen die israelitische Tradition als eine fast 4000-jährige Philosophie wieder neu zu beleben. Wir müssen das Judentum als eine offene, ethnisch nicht gebundene Weltreligion deklarieren (religiös-ethische Gebundenheit widerspricht dem Geist der Ethik und Moral jeder zivilisierten Religion)! Das Judentum sollte frei praktiziert werden ohne an eine ethnische Zugehörigkeit gebunden zu sein. Man muss nicht ein Tibetaner sein, um Buddhismus zu praktizieren, auch nicht ein Deutscher, um Lutheraner zu werden. Das Judentum muss eine freie Religion werden, die für alle zugänglich ist, die sich zu ihr bekennen möchten, mit einem breiten Spektrum an Möglichkeiten, basierend auf unsere mehrtausendjährigen Geschichte! Das Judentum ist eine Welt, die reiche, vielfältige Wege und Pfade, die zu G-tt, Natur- uns Selbsterkenntnis führen, bietet.
Die antike Tradition lädt uns ein, eine Welt von rituellen und religiösen Erfahrungen und Erlebnissen zu betreten. Für das Judentum ist die Denkweise, dass die Vergangenheit unbedeutend ist und nicht mehr zählt, immer fremd gewesen war. Die jüdische Religion war immer dafür bekannt und berühmt, wie sorgfältig und liebvoll sie alte Traditionen und Gebräuche bewahrt und beschützt und an die nächsten Generationen übermittelt hat. Die Frage ist nur, warum müssen wir uns heute nur mit den vergangenen 250 Jahren unserer Geschichte beschäftigen, statt die Möglichkeit zu nutzen, uns mit dem ganzen Spektrum unserer viertausendjährigen Religion vertraut zu machen. Nicht dogmatisch zu werden, sondern die ganze Schönheit und Differenziertheit, für die das Judentum so bekannt ist, für uns zu entdecken und in diesem gigantischen Universum der jahrtausendlangen Erfahrungen für uns unseren Platz zu finden. Das Judentum bietet für jede und jeden etwas, - von Wissenschaft zu Mystik, von Dogmatismus zu Anarchie, von einem asketischen Leben bis hin zu einem Leben als Gourmet.

Gerade in Deutschland sollte diese Frage sehr ernst genommen werden. Wir erwarten die Auferstehung des deutschen Judentums. Zehntausende von Juden wurden für diesen Zweck nach Deutschland eingeladen. Neue Synagogen sind gebaut worden und neue Gemeinden entstehen. Sie sind allerdings bei den ersten Schritten. Ich bin davon überzeugt, dass ein Export einer schon existierenden jüdische Strömungen (ob orthodox, konservativ oder auch liberal) nach Deutschland nicht möglich ist. Deutschland muss das deutsche Judentum ganz neu aufbauen; ein Judentum, das in Deutschland geboren wird. Das deutsche Judentum hat sich schon mehrmals als revolutionär und fortschrittlich erwiesen.
Ist das nicht eine Einladung, die Geschichte des deutschen Judentums weiter zu schreiben, ein neues Kapitel zu beginnen, und absolut notwendige Reformen des Judentums zu wagen? Dem Judentum den Status einer welt- und menschenoffenen Religion zu verleihen und die Tore der uralten Weisheit für alle zu öffnen! Warum sollte Deutschland nicht auch diesmal in diesem revolutionären Reformprozess voran marschieren? Für diejenigen, die ein historisches Verständnis der Evolution der jüdischen Zivilisation haben und diejenigen, die engagierte Juden sind, gilt stets die Aufforderung, sich an der Weiterentwicklung des Judentums zu beteiligen, so dass es nicht zu einer unbedeutenden Reliquie verkommt. Wir müssen die Juden und Nicht-Juden erreichen, die verloren gehen, wenn eisern und unflexibel an den Bestimmungen der Halacha (das Gesetz) festgehalten wird. Unzählige, tausende von Menschen, die zur Rückkehr bereit sind, warten darauf, zu sehen, ob die jüdische Gemeinschaft den Mut, die Weisheit und die Empfindlichkeit besitzt, die unsere Vorfahren zu allen Zeiten gegenüber revolutionären Veränderungen der jüdischen Verhältnisse gezeigt haben. Wir wissen, dass wir ihnen das bemerkenswerte Überleben unserer Tradition verdanken; die Zeit wird zeigen, ob wir würdige Nachfolger sind.

Anmerkung des Autors:
Eine ausführliche Darstellung und die praktische Umsetzung dieser neuen Theologie eines weltoffenen Judentums wird z. Z. in Buchform erarbeitet.

Der Text erschien zuerst auf der Homepage des Autors http://www.judaic.de Auf seiner Homepage wird er in Zukunft mehr über das Projekt berichten.

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