Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 1

Aus dem »Führer der Unschlüssigen«, dem More Newuchim, in der überarbeiteten deutschen Übersetzung von Dr. Adolf Weiss.

Erstes Kapitel. Erklärung der Worte zelem und d’mut, welche die Bedenken beseitigen soll, die sich aus den Worten ergeben: »Gott hat den Menschen in seinem Ebenbilde erschaffen«

Seit jeher glauben manche, dass das Wort zelem, (Bild) in der hebräischen Sprache auf die Figur und Gestalt eines Dinges hinweise. Dies führte dahin, dass sie infolge des Ausspruches der Heiligen Schrift »Wir wollen einen Menschen machen nach unserem Bilde (b‘zalmenu), in Ähnlichkeit mit uns (kid‘mu tenu[Gen. 1, 26], sich Gott absolut als körperliches Wesen vorstellten. Sie glaubten also, dass Gott die Form eines Menschen habe, d. h. seine Figur und Gestalt. Daraus folgte für sie unabweisbar, dass Gott ein körperliches Wesen sei; sie glaubten daran und meinten, dass sie die Tora((Dr. Adolf Weiss hat dieses Wort stets mit »Heilige Schrift« (oder«H. Schrift«) übertragen. Im hebräischen Text von Samuel ibn Tibbon ist jedoch an diesen Stellen immer von »Tora« die Rede. Dementsprechend wurde dies hier wieder im ursprünglichen Sinn übertragen.)) verleugnen würden, wenn sie sich von diesem Glauben lossagten. Auch meinten sie, dass sie Gott als nichtexistierend setzten, wenn er nicht ein Körper wäre wie sie, mit Angesicht und Händen, ähnlich den ihrigen in Figur und Gestalt, allerdings nach ihrer Meinung größer und durchsichtiger, dessen Materie auch nicht aus Fleisch und Blut bestehe. Dies hielten sie für die vollkommenste Vorstellung der Erhabenheit Gottes. Du wirst indessen die Beweise für alles dieses, nämlich für das, was notwendig über die Unkörperlichkeit Gottes und über die Feststellung seiner Einheit, die nur bei der Negation der Körperlichkeit wahr sein kann, gesagt werden muss, in diesem Buch kennen lernen. Hingegen bemerken wir, dass wir hier lediglich die Worte zelem, (Bild) und d‘mut, (Ähnlichkeit) erläutern wollen. Ich sage also, dass zur volkstümlichen Bezeichnung der Form, welche die Figur und Gestalt eines Dinges ist, in der hebräischen Sprache ausschließlich das Wort toar (Gestalt) gebraucht wird. So sagt die Heilige Schrift: »Schön von Gestalt (toar) und schön von Angesicht« [Gen. 39, 6];

»Wie war seine Gestalt (toaro)?« [1. Sam. 28, 14]; »Gleich der Gestalt (ketoar) der Königssöhne« [Richter 8, 18]. Es wird auch gebraucht von der Form, die durch die Kunst hergestellt wird, z. B.: »Er formt es jetoarehu mit dem Griffel und gestaltet es mit dem Zirkel« [Jes. 44, 13]. Dies aber ist eine Bezeichnung, die niemals, das sei ferne, auf Gott angewandt wird. Hingegen bezieht sich das Wort zelem auf die natürliche Form, d. h. auf dasjenige, was das Wesen eines Dinges ausmacht und wodurch es das ist, was es ist. Diese macht das wahre Wesen eines Dinges aus, weil es durch sie dieses Seiende ist, dessen Begriff nur im Menschen vorhanden ist, dasjenige, um dessen willen der Begriff »Mensch« existiert, nämlich die Vernunfterkenntnis.

Und wegen dieser Vernunfterkenntnis wird vom Menschen gesagt: »Im Ebenbilde (b‘zelem) Gottes schuf er ihn« [Gen. 1, 27].

Und in diesem Sinne ist auch der Ausspruch gemeint: »Du verachtest ihr Bild (zalmam[Ps. 73, 20]. Denn die Verachtung kann sich ja nur auf die Seele beziehen, welche die die Art bildende Form ist, nicht aber auf die Beschaffenheit und Figur der Gliedmaßen. Ebenso behaupte ich, dass, wenn man die Götzenbilder z‘lamim nennt, dies seinen Grund darin hat, weil das, was man von ihnen verlangt, nicht aber ihre Figur und Gestalt die in ihnen gedachte Bedeutung ist. Dies gilt auch von dem Ausspruch »die Bilder (zalme) eurer Geschwülste« [I. Sam. 6, 11], denn das, was man mit ihnen wollte, war die Abwendung der Beulenplage, nicht aber ihre Gestalt. Sollten aber die Bilder der Geschwüre und die Götzenbilder aus keinem anderen Grunde als wegen ihrer Figur und Gestalt z‘lamim genannt werden können, dann ist das Wort zelem entweder homonym oder zweideutig.

Es kann sowohl auf die die Art bildende, als auch auf die künstliche Form ebenso wie auf das ihr Ähnliche der Beschaffenheit und Gestalt der natürlichen Körper angewendet werden.

Dann aber ist das, was man mit dem Satz ausdrücken wollte: »Wir wollen einen Menschen machen nach unserem Ebenbilde« [Gen. 1, 26] die die Art bildende Form, nämlich die Vernunfterkenntnis, nicht aber die Gestalt und Figur. Jetzt haben wir also den Unterschied zwischen zelem und toar und die Bedeutung von zelem erklärt. Das Wort d'mut, (Ähnlichkeit) aber ist ein von dama, (ähnlich sein) abgeleitetes Wort und es bedeutet ebenfalls eine Ähnlichkeit in irgendeiner Hinsicht, z. B. »Ich gleiche (damiti) dem Pelikan der Wüste« [Ps. 102, 7]. Dies bedeutet nicht, dass der Dichter einem Pelikan in Bezug auf seine Flügel und sein Gefieder ähnlich sei, sondern dass seine Traurigkeit der des Pelikans gleiche. »Kein Baum im Garten Gottes glich (dama) ihm an Schönheit« [Jechezkel 31, 8]. Hier bezieht sich der Vergleich auf die Schönheit. »Ihr Gift ist ähnlich d'mut dem Schlangengift« [Ps. 58, 5], oder »Er gleicht (dimjon) einem Löwen« [Ps. 17, 12]. Dies alles bedeutet Ähnlichkeiten in einer gewissen Hinsicht, nicht in der Gestalt und Figur. So bedeutet »Das Bild (d'mut) des Thrones« [Jechezkel 1, 26] eine Ähnlichkeit im Begriffe der Hoheit und Erhabenheit, nicht aber hinsichtlich seiner Quadratur, seiner Dicke und der Länge seiner Füße, wie manche sich die Bedeutung vorstellen. Ebenso »das Bild (d'mut) der Chajot« (Tiergestalten) [ebenda 1, 1a]. Da nun der Mensch eine besondere Eigentümlichkeit besitzt, die in ihm sehr merkwürdig ist, weil sie bei keinem unter der Mondsphäre existierenden Dinge vorkommt, nämlich die Ver­nunfterkenntnis, die sich keines Sinnes bedient und nicht eine Tätigkeit des Körpers, eines Gliedes oder eines Körperteiles ist, hat die Tora diese mit der Vernunft des Schöpfers verglichen, die nicht durch ein Werkzeug sich offenbart. Es ist zwar in Wahrheit keine Ähnlichkeit, scheint aber den Anfängern im Denken eine Ähnlichkeit zu sein. Wir sagen nun vom Menschen wegen dieses Umstandes, nämlich wegen der göttlichen Vernunft, die ihm anhaftet, dass er im Bilde Gottes und in der Ähnlichkeit mit Gott geschaffen ist, nicht aber weil Gott ein Körper mit Gestalt ist.


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