Führer der Unschlüssigen

More Newuchim – Buch 1 – Kapitel 2

Aus dem »Führer der Unschlüssigen«, dem More Newuchim, in der überarbeiteten deutschen Übersetzung von Dr. Adolf Weiss.

Zweites Kapitel Lösung des Einwandes eines Fragestellers, der sich aus den Worten ergibt, die sich auf diejenigen beziehen, die vom Baume der Erkenntnis essen würden: »Ihr werdet wie Gott sein, indem ihr das Gute und das Böse erkennt«.

Ein Gelehrter warf vor Jahren mir gegenüber folgende wichtige Frage auf, die ernste Beachtung verdient, ebenso wie unsere Antwort, welche die Frage löst. Bevor ich jedoch die Frage und ihre Lösung vorbringe, will ich sagen, dass jeder Kenner des Hebräischen weiß, dass das Wort Elohim homonym für Gott, für die Engel und für die Richter, welche die Staaten regieren, angewendet wird. Schon der Proselyt Onkelos hat dargelegt, und seine Darlegung ist auch die Wahr­heit, nämlich dass die Worte: »Ihr werdet wie Elohim sein, indem ihr das Gute und das Böse erkennet« [Gen. 3, 5], die letzterwähnte Bedeutung ausdrücken wollen. Er übersetzt: »Ihr werdet wie Fürsten sein«.

Nachdem ich also die mehr­fache Bedeutung des Wortes Elohim zugrunde gelegt habe, will ich nunmehr die Frage vorbringen.

Der Fragesteller sagt: Aus dem einfachen Wortlaut der Schrift scheint hervorzugehen, dass die ursprüngliche Absicht des Schöpfers hinsichtlich des Menschen die gewesen sei, dass er wie alle anderen Lebewesen sei, ohne Vernunft und Denk­vermögen und nicht zwischen Gutem und Bösem unterscheide. Als er aber ungehorsam war, brachte ihm dieser sein Ungehor­sam diese große, dem Menschen ausschließlich zukommende Vollkommenheit als Lohn, nämlich, dass ihm die in uns vor­handene Erkenntnis zuteil wurde, welche das vornehmste der in uns existierenden Dinge ist und die unser Wesen ausmacht. Es wundert mich nun, dass die Strafe für seinen Ungehorsam darin bestand, dass ihm eine Vollkommenheit verliehen wurde, die er früher nicht besaß, nämlich die Vernunft. Dies ist aber nicht anders, als wenn jemand sagte, dass irgend ein Mensch, weil er gesündigt und besonders schwere Frevel begangen hat, in ein besseres Geschöpf verwandelt, nämlich als Stern in den Himmel versetzt wurde. Dies war der Sinn der Frage, wenn sie auch nicht wörtlich so lautete.

Vernimm nun die Gedankenfolge unserer Antwort!

Wir sagten: Du bist ein Mensch, der mit primitiven Vorstellungen und mit Vorurteilen studiert, und meinst, ein Buch, welches dazu dient, die frühesten und spätesten Generationen zu leiten, in solcher Weise zu verstehen, wenn du es in manchen Mußestunden durchliesest, die Trinkgelage und Beischlaf dir übrig lassen, wie man ein Geschichtsbuch oder irgend eine beliebige Dichtung durchliest. Besinne dich und erwäge, dass es sich nicht so verhält, wie du in deinem oberflächlichen Denken dir vorstellst! Es verhält sich vielmehr, wie dir, wenn du diese Sache sorgfältig betrachtest, klar werden wird, damit so, dass die Vernunft, die der Schöpfer dem Menschen durch die Emanation hat zuströmen lassen und die seine höchste Vollkommenheit ausmacht, ihm schon vor seinem Sündenfalle zuteil ge­worden ist und dass er nur um ihrer willen ein Ebenbild und ein Gleichnis Gottes genannt wurde. Um ihrer willen redete Gott mit ihm und gab ihm ein Gebot, wie die Tora sagt: »Gott der Herr befahl« [Gen. 2, 16], das Gebot erging aber nicht an die Tiere und an die vernunftlosen Wesen. Durch seine Vernunft unterscheidet der Mensch zwischen Wahrem und Unwahrem, und diese war in ihm in seinem vollkommenen und untadeligem Zustande vorhanden. In der Tat werden Hässlichkeit oder Schönheit nur von Dingen ausgesagt, die dem Werturteile unterliegen, nicht aber von den intellektuellen Dingen. Man sagt nicht: Es ist schön, dass der Himmel kugel­förmig ist, oder es ist hässlich, dass die Erde flach ist, sondern man sagt, es ist wahr oder es ist falsch. So sagt man auch in unserer Sprache in Beziehung auf das Richtige oder Undenk­bare, es ist wahr (emet) oder falsch (scheker), hin­gegen in Beziehung auf das Schöne oder Hässliche, es ist gut (tow) oder schlecht (ra). Durch die Vernunft unter­scheidet also der Mensch das Wahre vom Unwahren, und dies gilt von allen Gedankendingen. Als aber der Mensch in seinem vollkommenen und tadellosen Zustande war und er seine Denk­fähigkeit und sein Erkenntnisvermögen besaß, um derentwillen von ihm gesagt wird : »Du ließest wenig ihm von Gottheit mangeln« [Ps. 8, 6], besaß er nicht die Fähigkeit, die dem Wert­urteil unterliegenden Dinge auf irgendeine Art zu gebrauchen oder zu begreifen; so dass selbst das Hässlichste unter diesen, die Entblößung der Scham, ihm nicht hässlich erschien und er seine Hässlichkeit nicht begriff. Als er aber ungehor­sam war und zu den Gelüsten seiner Fantasie und zu den sinnlichen Genüssen hinneigte, wie die Tora sagt: »Die Frucht des Baumes war gut zu essen und war eine Augenweide« [Gen. 3, 6], wurde er damit bestraft, dass ihm die Vernunft­erkenntnis entzogen wurde, und infolgedessen war er un­gehorsam gegen ein Gebot, das ihm um seiner Vernunft willen gegeben worden war, und so erlangte er die Fähigkeit, die Wertdinge zu begreifen, und ergab sich der Ausübung der häß­lichen oder schönen Handlungen. Da erst lernte er würdigen, was ihm verloren gegangen und ihm entzogen worden und in welche Lage er geraten war. Deshalb wird gesagt: »Ihr werdet wie Elohim sein, indem ihr Gutes und Böses erkennet«. Es wird aber nicht gesagt: »indem ihr Wahres und falsches erennet« oder »begreift«. Bei dem Unbedingten gibt es ja Oberhaupt kein Gutes oder Böses, sondern nur Wahres oder Falsches.

Achte auch darauf, dass die Tora sagt: »Es wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt seien« [Gen. 3, 7]; sie sagt aber nicht: »Es wurden ihnen die Augen geöffnet und sie sahen«. Vielmehr sahen sie nachher dasselbe, was sie vorher gesehen hatten, und es war keine Hülle um seine Augen, die jetzt beseitigt wurde, sondern es entstand jetzt in ihm ein neuer Zustand, indem er etwas als hässlich er­kannte, was ihm früher nicht hässlich erschienen war. Das Wort fakach, (die Augen öffnen) wird niemals von dem entstehenden sinnlichen Sehen, sondern nur in der Bedeutung des Offenbarwerdens einer Erkenntnis gebraucht, z.B. »Gott öffnete (wajjifkach) ihre Augen« [Gen. 21, 19]; »dann werden die Augen der Blinden sich öffnen« (tippa­kachna) [Jes. 35, 5]; »Man öffnet (fakoach) ihnen die Ohren und sie hören nicht« [ebenda 42, 20], was ebenso viel heißt als: »Sie haben Augen, um zu sehen, und sehen nicht« [Jechezkel 12, 1].

Wenn aber die Tora in Beziehung auf Adam sagt: »Er veränderte sein Angesicht und du triebst ihn hinweg« [Jjob 14, 20], so ist dies folgendermaßen zu verstehen und zu erklären: Weil er die Richtung seines Antlitzes änderte, wurde er hin­weggetrieben. Das Wort panim (Antlitz) ist nämlich von pana, (sich wenden) abgeleitet, weil der Mensch mit seinem Angesicht dem Dinge sich zuwendet, das er besitzen will. Deshalb sagt die Tora: Als er die Richtung seines Antlitzes änderte und einem Dinge zustrebte, hinsichtlich dessen ihm schon früher verboten war, ihm zuzustreben, wurde er aus dem Garten Eden vertrieben. Diese Strafe entspricht auch der Sünde »Maß für Maß«. Er hatte die Erlaubnis, die köstlichste Nahrung zu genießen und ihrem Genusse sich mit Seelenruhe und Sorglosigkeit hinzugeben; als aber, wie wir sagten, seine Begierde so mächtig in ihm geworden, dass er den eingebildeten Genüssen nachjagte und das genoss, dessen Genuss ihm ver­boten war, wurde ihm alles entzogen, und er musste die un­würdigste Nahrung genießen, die ihm früher als solche un­geeignet erschienen war, und dies erst, indem er sie mit viel Arbeit und Mühseligkeit erlangte nach dem Worte der Schrift: »Domen und Disteln wird sie dir wachsen lassen« [Gen. 3,1s]; »Im Schweiße deines Angesichtes« usw. [ebenda 19]. Und die H. Schrift sagt ausdrücklich: »Gott, der Herr, vertrieb ihn aus dem Garten Eden, damit er die Erde bebaue, von der er ge­nommen worden« [ebenda 25]. Gott machte ihn hinsichtlich seiner Nahrung und vieler seiner Zustände den Tieren gleich, wie die Tora sagt: »Du sollst das Kraut des Feldes essen« [ebenda 18]. Und diesen Gedanken darlegend sagt die Tora: »Der Mensch darf in seiner Herrlichkeit nicht für die Dauer bleiben, er gleicht den stummen Tieren« [Ps. 49, 13].

Gepriesen sei der, der einen Willen besitzt, dessen letztes Ziel und dessen Weisheit von uns nicht begriffen wird.


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