Mischna Berachot

Mischnah Berachot – Kapitel 1

Zeit für das Schma Jisrael am Abend und am Morgen, Stellung des Körpers dabei, vorangehende und folgende Gebete.

Mischnah 1

1

Von wann an und wie lange man am Abend das Schma (Jisrael) sagen darf.

מֵאֵימָתַי קוֹרִין אֶת שְׁמַע בְּעַרְבִית?
מִשָּׁעָה שֶׁהַכֹּהֲנִים נִכְנָסִים לֶאֱכֹל בִּתְרוּמָתָן,
עַד סוֹף הָאַשְׁמוּרָה הָרִאשׁוֹנָה
– דִּבְרֵי רַבִּי אֱלִיעֶזֶר.
וַחֲכָמִים אוֹמְרִים:
עַד חֲצוֹת.
רַבָּן גַּמְלִיאֵל אוֹמֵר:
עַד שֶׁיַּעֲלֶה עַמּוּד הַשָּׁחַר.

(Frage) Von welcher Zeit an liest man das Schma am Abend1?
(Antwort:) Von der Zeit an, zu der die Priester eintreten, um von ihrer Hebe zu essen,2 bis zu Ende der ersten Nachtwache. (Dies sind die) Worte des Rabbi Elieser.
Die Weisen sagen:
Bis Mitternacht.
R. Gamliel sagt:
Bis die Morgenröte aufsteigt.

מַעֲשֶׂה שֶׁבָּאוּ בָנָיו מִבֵּית הַמִּשְׁתֶּה.
אָמְרוּ לוֹ:
לֹא קָרִינוּ אֶת שְׁמַע.

Es geschah einst, dass seine Söhne von einem Gastmahl heimkehrten, und zu ihm sagten
Wir haben das Schma noch nicht gelesen.

אָמַר לָהֶם:
אִם לֹא עָלָה עַמּוּד הַשַּׁחַר – חַיָּבִין אַתֶּם לִקְרוֹת.
וְלֹא זוֹ בִלְבַד:
אֶלָּא כָּל מַה שֶׁאָמְרוּ חֲכָמִים „עַד חֲצוֹת“ –
מִצְוָתָן עַד שֶׁיַּעֲלֶה עַמּוּד הַשָּׁחַר.
הֶקְטֵר חֲלָבִים וְאֵבָרִים –
מִצְוָתָן עַד שֶׁיַּעֲלֶה עַמּוּד הַשָּׁחַר.
וְכָל הַנֶּאֱכָלִין לְיוֹם אֶחָד –
מִצְוָתָן עַד שֶׁיַּעֲלֶה עַמּוּד הַשָּׁחַר.
אִם כֵּן, לָמָּה אָמְרוּ חֲכָמִים „עַד חֲצוֹת“?
כְּדֵי לְהַרְחִיק אֶת הָאָדָם מִן הָעֲבֵרָה.

Er erwiderte ihnen:
Wenn die Morgenröte noch nicht aufgestiegen ist, seid Ihr verpflichtet zu lesen.
Und nicht dies allein, sondern Alles, wobei die Weisen »bis Mitternacht« gesagt haben, gilt gesetzlich bis die Morgenröte aufsteigt.
Das Aufdampfen des Fettes und der Glieder gilt gesetzlich bis die Morgenröte aufsteigt; und Alles was (von Opfern) nur an demselben Tage gegessen werden darf, ist gesetzlich gestattet bis die Morgenröte aufsteigt. Wenn dem aber so ist,
warum sagten die Weisen:
»Bis Mitternacht?«
Um die Menschen von der Übertretung fern zu halten.

2

Von wann an und wie lange man am Morgen das Schma (Jisrael) sagen darf.

מֵאֵימָתַי קוֹרִין אֶת שְׁמַע בְּשַׁחֲרִית?
מִשֶּׁיַּכִּיר בֵּין תְּכֵלֶת לְלָבָן.
רַבִּי אֱלִיעֶזֶר אוֹמֵר: בֵּין תְּכֵלֶת לְכַרְתִי.
וְגוֹמְרָהּ עַד הָנֵץ הַחַמָּה.
רַבִּי יְהוֹשֻׁעַ אוֹמֵר: עַד שָׁלֹשׁ שָׁעוֹת,
שֶׁכֵּן דֶּרֶךְ בְּנֵי מְלָכִים לַעֲמֹד בְּשָׁלֹשׁ שָׁעוֹת.
הַקּוֹרֵא מִכָּאן וְאֵילָךְ – לֹא הִפְסִיד,
כְּאָדָם הַקּוֹרֵא בַתּוֹרָה.

Von welcher Zeit ab liest man das Schema am Morgen?
Sobald man zwischen Himmelblau01 techelet und Weiß unterscheiden kann; R. Elieser sagt: Zwischen Himmelblau und Lauchgrün; (und beendet das Lesen) bis die Sonne hervorstrahlt. R.Jehoschua sagt: Bis drei Stunden; denn so ist die Sitte der Söhne der Könige, erst um drei Stunden aufzustehen — wer von der Zeit an und weiter (das Schema) liest, büßt nichts ein, wie jeder der in der Torah liest.

3

Mit welcher Körperhaltung man das Schma (Jisrael) sprechen sollte.

בֵּית שַׁמַּאי אוֹמְרִים
בָּעֶרֶב כָּל אָדָם יַטּוּ וְיִקְרְאוּ,
וּבַבֹּקֶר יַעַמְדוּ,
שֶׁנֶּאֱמַר: „וּבְשָׁכְבְּךָ וּבְקוּמֶךָ“ (דברים ו ז).
וּבֵית הִלֵּל אוֹמְרִים:
כָּל אָדָם קוֹרֵא כְדַרְכּוֹ,
שֶׁנֶּאֱמַר: „וּבְלֶכְתְּךָ בַדֶּרֶךְ“ (שם).
אִם כֵּן, לָמָּה נֶאֱמַר „וּבְשָׁכְבְּךָ וּבְקוּמֶךָ“?
בְּשָׁעָה שֶׁבְּנֵי אָדָם שׁוֹכְבִים,
וּבְשָׁעָה שֶׁבְּנֵי אָדָם עוֹמְדִים.
אָמַר רַבִּי טַרְפוֹן:
אֲנִי הָיִיתִי בָא בַדֶּרֶךְ,
וְהִטֵּיתִי לִקְרוֹת כְּדִבְרֵי בֵית שַׁמַּאי,
וְסִכַּנְתִּי בְעַצְמִי מִפְּנֵי הַלִּסְטִים.
אָמְרוּ לוֹ:
כְּדַי הָיִיתָ לָחֹב בְּעַצְמְךָ,
שֶׁעָבַרְתָּ עַל דִּבְרֵי בֵית הִלֵּל.

Die Schule des Schammaj lehrt:
Am Abend soll Jeder liegend lesen und am Morgen stehend, denn es heißt: »Wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst.«02
Die Schule des Hillel aber lehrt: Jedermann lese nach seiner Weise (nach Belieben) denn es heißt auch: »Wenn du auf dem Wege gehst.« Wenn dem so ist, warum heißt es denn »und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst«? Allein (dies will sagen) »zur Zeit, wenn Menschen zu liegen pflegen und zur Zeit wenn sie aufzustehen pflegen.«

— R. Tarphon erzählte: Ich befand mich einst auf dem Wege, und legte mich nieder, um nach dem Ausspruch der Schule Schammajs zu lesen, brachte mich aber in Lebensgefahr durch Räuber. Man erwiderte ihm: Du warst wert dein Leben zu verwirken, weil du den Ausspruch der Schule Hillels übertratest.

4

Von den Gebeten vor und nach dem Schma (Jisrael).

בַּשַּׁחַר מְבָרֵךְ שְׁתַּיִם לְפָנֶיהָ וְאַחַת לְאַחֲרֶיהָ,
וּבָעֶרֶב שְׁתַּיִם לְפָנֶיהָ וּשְׁתַּיִם לְאַחֲרֶיהָ,
אַחַת אֲרֻכָּה וְאַחַת קְצָרָה.
מָקוֹם שֶׁאָמְרוּ לְהַאֲרִיךְ – אֵינוֹ רַשַּׁאי לְקַצֵּר.
לְקַצֵּר – אֵינוֹ רַשַּׁאי לְהַאֲרִיךְ.
לַחְתֹּם – אֵינוֹ רַשַּׁאי שֶׁלֹּא לַחְתֹּם.
וְשֶׁלֹּא לַחְתֹּם – אֵינוֹ רַשַּׁאי לַחְתֹּם.

Am Morgen spricht man zwei Segenssprüche voran und einen nachher; und abends spricht man zwei Segenssprüche voran, und zwei nachher: Eine lange und eine kurze Brachah. Wo man festgesetzt hat eine lange (zu sprechen), ist keiner befugt abzukürzen, und wo eine kurze fest steht, ist keiner befugt zu verlängern; (wo festgesetzt ist) eine Schlussformel zu beten, ist keiner befugt die Schlussformel auszulassen wo aber keine Schlussformel sein soll, ist keiner befugt, eine Schlussformel anzubringen.

5

Das Gedenken an den Auszug aus Ägypten am Abend.

מַזְכִּירִין יְצִיאַת מִצְרַיִם בַּלֵּילוֹת.
אָמַר רַבִּי אֶלְעָזָר בֶּן עֲזַרְיָה:
הֲרֵי אֲנִי כְּבֶן שִׁבְעִים שָׁנָה,
וְלֹא זָכִיתִי שֶׁתֵּאָמֵר יְצִיאַת מִצְרַיִם בַּלֵּילוֹת,
עַד שֶׁדְּרָשָׁהּ בֶּן זוֹמָא,
שֶׁנֶּאֱמַר: „לְמַעַן תִּזְכֹּר אֶת יוֹם צֵאתְךָ מֵאֶרֶץ מִצְרַיִם כֹּל יְמֵי חַיֶּיךָ“ (דברים טז ג).
„יְמֵי חַיֶּיךָ“ – הַיָּמִים,
„כֹּל יְמֵי חַיֶּיךָ“ – הַלֵּילוֹת.
וַחֲכָמִים אוֹמְרִים:
„יְמֵי חַיֶּיךָ“ – הָעוֹלָם הַזֶּה,
„כֹּל יְמֵי חַיֶּיךָ“ – לְהָבִיא לִימוֹת הַמָּשִׁיחַ.

Man gedenke des Auszuges aus Ägypten auch in der Nachtzeit.03
R. Elasar ben Asarjah sprach: Ich bin jetzt beinahe04 siebzig Jahre alt und habe nicht beweisen können, dass die Stelle vom Auszug aus Ägypten auch Nachts zu sagen Pflicht sei, bis Ben Soma es aus der Schrift herleitete, nämlich es heißt: »Damit du gedenkst des Tages deines Auszuges aus Ägypten alle Tage deines Lebens«; »Die Tage deines Lebens«, (würde bedeuten) »die Tage,« »alle Tage deines Lebens« — auch die Nächte. Die Weisen aber erklären:
»Die Tage deines Lebens«, würde bedeuten: Diese Welt. »Alle Tage deines Lebens«, setze hinzu, auch die Zeiten des Maschiach.

  1. Techelet ist die Farbe, die in der Torah für die Tzitzit vorgeschrieben ist, wohl ein bläulicher Farbton. []
  2. 5. Buch Mosche 6,7 []
  3. D. h. es ist Pflicht auch in der Nacht Parschat Zizit zu sprechen, weil darin des Auszuges aus Ägypten gedacht wird. []
  4. So nach einer Baraita im Jeruschalmi. Der babylonische Talmud jedoch sagt: R. Elasar ben Asarja sei damals nur 18 Jahre alt, aber bereits grau gewesen, wie ein Greis von siebzig Jahren. Nach Maimonides ist er durch vieles Studieren grau geworden. []