Jom Kippur, Rosch haSchanah

Die Zeit der Besinnung, der Tag des Gerichts und der Versöhnungstag

Wenn der Sommer des Lebens sich dem Herbst zuneigt, wenn der Höhepunkt der Kraft überschritten ist, an dem einem alles noch als selbstverständlich vorgekommen war, wenn erste Widersprüche zwischen Wollen und Können auftreten, dann fängt man an unsicher zu werden, an seiner bisherigen Situation zu zweifeln, eine Krise des Selbstverständnisses ist möglich.
Es wird notwendig sich zu besinnen, wie man den Weg weiter gehen will, denn die Lebensernte ist noch lang nicht eingebracht.
An diesem Zeitpunkt sind wir angekommen, wenn der jüdische Monat Elul begonnen hat, der sechste Monat des im Frühjahr beginnenden Monatskreises, der nicht nur den Entwicklungsgang der Natur, zugleich den Weg Israels, sondern auch jedes Menschen wiedergibt.
Nachdem Israel in der Wüste den Irrweg des goldenen Kalbes gegangen war und sich dadurch an den Abgrund der Vernichtung gebracht hatte, war es von Mosche zur Besinnung gebracht worden.
Eine 40-tägige Neuorientierung setzte ein, eine innere Umkehr, in der das Volk zu seiner Bestimmung zurückkehrte. Dies war die Grundlage, mit der Israel im Gericht G’ttes vor Ihm bestehen konnte, die Voraussetzung für die Versöhnung mit G’tt.
In seiner Versöhnung begründete G’tt Seinen Bund mit Israel.
Diese 40 Tage bis hin zum Tag der Versöhnung werden seither als Tage der Buße und Umkehr angesehen. In vielen Gegenden stehen die Menschen in diesen Tagen in den frühen Morgenstunden auf und versammeln sich zu Bußgebeten, den Slichot, deren Kern das Sündengebet (Widduy) und das gemeinsame Aussprechen der 13 Eigenschaften G’ttes (Schlosch eßre Middoth) ist.

Die letzten 10 Tage dieser Zeit beginnen mit dem Tag des Schofartones, dem Tag des Erinnerns und Gedenken, dem Tag des Geichtes G’ttes, an dem Er zu Gericht sitzt über die taten des Menschen. Es ist der erst der ehrfurchtgebietenden Tage, der Jamim Noraim, der Hohen Feiertage, an denen sich das weitere Schicksal des Menschen bestimmt. Mit den durchdringenden Tönen des Schofars, des Widderhorns, wird wiederholt zur Besinnung und Umkehr aufgerufen,- noch ist nicht alles verloren und verscherzt. G’tt will lieber verzeihen und den Zurückkehrenden bei sich aufnehmen als ihn zu verwerfen.
Dieser Tag wird ernst gegangen, angemessen dem Tag des Gerichts. Aber wir sind voll Zuversicht auf G’ttes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, deshalb nicht traurig. Man kleidet sich festlich.
Die Feiertagsfarbe am Tag des Gerichts , auch am Versöhnungstag , ist weiß: Weiß sind der Thorahschreinvorhang, die Thorarollenmäntel, die Vorbeterpultdecke, der Sterbekittel,-zumindest des Vorbeters. Ja, man trägt seinen Sterbekittel, denn bis zu diesem Tag sollte man sein Leben in’s Reine gebracht haben. Man sollte sich all dessen erinnert haben, was im vergangenen Jahr geschehen war, man sollte sich Rechenschaft abgelegt haben, eine Berichtigung des Lebensweges eingeleitet haben.So treten wir am Tag des Gerichts vor G’tt.

Mit besonderen Segenssprüchen anerkennen wir Seine Königsherrschaft über uns (Malchuyoth); wir vergegenwärtigen uns, daß Er all seiner Geschöpfe gedenkt und ihre Taten kennt, aus denen Folgen entstehen (Sichronoth); wir sind bereit zu unserer bestimmung zurückzukehren und sie auf uns zu nehmen, wie am Sinai, als G’tt in Licht und Schall sich uns offenbarte und hoffen auch den Schofarton der Erlösung erleben zu dürfen (Schofaroth). Nach dem Nachmittagsgebet gehen wir an ein fließendes Wasser übergeben diesem all das, was uns noch verunreinigt (Taschlich) um rein wieder vor unseren Schüpfer treten zu können, in dem Zustand, in dem wir erschaffen worden sind. Der Tag des Gerichts ist nach der Überlieferung nämlich der Tag, an dem die Welt erschaffen worden war. Er fällt auf den 1.Tag des Monats Tischri und ist zugleich der Neujahrstag für die Jahreszählung, Rosch haSchanah.

An diesem Tag beginnt jeweils auch das Schabbatjahr, jedes 7.Jahr, an dem die Erde in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren und ruhen dürfen soll, und das Yovel-Jahr, jedes 50.Jahr, an dem aller Besitz an seinen ursprünglichen Besitzer zurückkehren soll; es ist der Tag, an dem alles, auch der Mensch, zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückkehren soll.
Wenn dieser Tag sich vollendet wird das Urteil gesprochen. Wir hoffen und wünschen, daß alles zum Guten wird, so essen wir nach dem Kiddusch an diesem Tag das Festtagsbrot und einen Apfel in Honig getaucht, ein süßes neues Jahr wünschend (Schanah towah !).

Die Tage, die noch bis zum Versöhnungstag, dem zweiten der Hohen Feiertage verbleiben, werden als 10-Tage-der-Umkehr bezeichnet, die Zeit der letzten Chance für die Umkehr.Denn das Urteil ist bislang noch nicht besiegelt. Und so kommt der Tag der Versöhnung, der höchste der Feiertage, der Schabbat der Schabbatot- Jom Kippur.
Versöhnung heißt nicht Vergessen, heiß nicht Ungeschehen-machen. Die Folgen der taten sind zwangsläufig und sind zu tragen. Nach jeder Wunde bleibt eine Narbe. Versöhnung heißt auf Rach verzichten und den Willen bekunden, trotz allem, was geschehen ist, dennoch den weiteren Weg gemeinsam in die Partnerschaft gehen zu wollen. Voraussetzung ist Eingeständnis der Tat, Bereuung und Verhaltensänderung und, soweit als möglich, Wiedergutmachung.

Bevor wir uns mit der Bitte um Vergebung an G’tt wenden, ist es erforderlich erst unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wieder in Ordnung zu bringen , uns miteinander auszusöhnen, wieder Frieden unter uns herzustellen. Erst wenn wir das geschafft haben, können wir Entsühnung, das ist die Reinigung von unseren Befleckungen, erhoffen, erbitten, nicht erwarten oder gar fordern. nicht G’tt, sondern wir haben unzählige Male den Bund, den wir mit Ihm geschlossen haben, verletzt.Und so ist Zerknirschung und Bescheidenheit die richtige Haltung um vor G’tt hinzutreten, wenigstens an diesem Tag. Wir lassen uns auf diesem Weg nicht von irgendwelchen Bedürfnissen ableiten. Wir fasten und enthalten uns, trinken nicht, essen nicht, pflegen und verwöhnen uns nicht, 24 Stunden lang.
Wir alle haben unter den Zwängen äußere Umstände oder, schlimmer noch, freiwillig, unsere Bestimmung mehr oder weniger vergessen, verleugnet, haben Kompromisse gemacht, uns den Interessen anderer unterworfen. Die spanischen Juden, die ihre Überzeugung unter Todesdrohung hatten abschwören und sich hatten verleugnen müssen, baten in dem Gebet ‚Kol Nidrej‘ dieses ungeschehen, rückgängig machen zu dürfen. Und damit beginnen wir bis heute den G’ttesdienst an Jom Kippur. Denn ein Mensch, der seiner Bestimmung untreu geworden ist, hat der nicht sein Leben sinnlos und umsonst gelebt ? Und hat nicht G’tt in der Geschichte vom Propheten Yonah, die wir an Jom Kippur lesen, dessen Leben erneuert als dieser, nach zunächst Flucht, schließlich doch noch bereit war seine Aufgabe auf sich zu nehmen?!
Wieder und wieder machen wir uns unser Verhalten und unsere Taten klar,-dies wird unser weiteres Leben beeinflussen-, und wir bitten um Vergebung, schließen darin auch unsere Verstorbenen mit ein.

Während wir normalerweise vor G’tt, unserem König, im Gebet stehen, werfen wir uns an Jom Kippur, im Mussafgebet, viermal vor Ihm zu Boden,-dann, wenn der Hohepriester zur Zeit des Tempels den Namen G’ttes voll aussprach, was nur an diesem Tag, uns zur Sühne geschah, die intimste Begegnung mit G’tt. Und wenn der Tag schließlich seinem Ende entgegen geht, wenn wir hoffen dürfen, G’ttes und zu seiner eigenen Bestimmung bekannt hat, dann kündet ein Schofarton den Zeitpunkt an, an dem die Tore des Tempels geschlossen wurden, zugleich die Tore des g’ttlichen Gerichts geschlossen werden und das gefällte Urteil besiegelt wird.
Dann fällt die ungeheure innere Anspannung von unseren Schultern, wir umarmen uns und wünschen uns, daß Heil beschlossen und besiegelt worden ist.
Den Schabbat der Schabbatot beendet man mit der Havdalah-Feier, in der G’tt für die Unterscheidung zwischen Heiligem und Alltäglichem gepriesen wird. Erst danach essen wir wieder etwas.