Talmud

Was ist der Talmud?

Der Talmud ist eine der wichtigsten Werke des Judentums, man kann sogar sagen, er sei eine der Säulen des Judentums, wenngleich seine Bedeutung für das orthodoxe und liberale Judentum unterschiedlich groß ist.

Was ist der Talmud?

Der Talmud ist die Diskussion der Mischna. Doch was ist die Mischna?

Die Mischna: G’tt gab Mosche am Sinai nicht nur die geschriebene Torah, sondern auch die ‚mündliche Lehre‘. Dieses Lehre wurde (wie der Name bereits sagt) mündlich weitergegeben. Diese Lehre bestand aus Religionsgesetzen für alle Bereiche (Halachah) und aus ergänzendem Material bestehend aus Geschichten, Gleichnissen und Begebenheiten ethischen Charakters (Aggadah). Jehuda ha Nasi ordnete die mündliche Lehre und hielt sie schriftlich fest – was eigentlich für halachisch bedenklich gehalten wurde – um jedoch die mündliche Lehre nicht zu verlieren oder zu verändern, schuf man also die Mischna (Wiederholung) – die Sammlung der mündlichen Lehre.

Man teilte die Mischna in sechs Ordnungen auf:

  1. Seraim Saaten
  2. Moed Festzeiten
  3. Naschim Ehe und Famileinrecht
  4. Nesikin Beschädigungen;Zivil und Strafrecht
  5. Kodaschim Heilige Dinge – Tempel und Opferriten
  6. Toharot Reinheitsgebote

Der Talmud besteht aus dieser Mischna und ihrer Diskussion, der Gemara.

Beide gemeinsam sind der Talmud. Sie sind der Grundtext des Talmuds.
Im Laufe der Geschichte wurden aber auch diese Texte kommentiert und besprochen.
In jeder Ausgabe des Talmuds ist deshalb auch der Raschi-Kommentar zu finden. Raschi ist ein Akronym für Rabbi Schlomo ben Jitzchak (ausführlicher Artikel zu Raschi), der 1040 in Troyes geboren wurde und 1105 nach reger Tätigkeit starb. Ohne Raschis Kommentar, wäre der Talmud ein versiegeltes Buch für uns, schrieb Rabbi Jitzchak bar Schesches (Rivasch). Tatsächlich sind die Arbeiten Raschis zum Talmud und zur Torah unvergleichlich.
Alle weiteren Kommentare zum Talmud wurden von den Schülern Raschis hinzugefügt.
Am unteren Rand gibt es noch Kommentare und Hinweise zahlreicher anderer Verfasser.
In der Mitte des Bildes steht die Mischna mit der Gemara in Quadratbuchstaben. Rechts davon befindet sich der Kommentar Raschis, sowie auf der linken Seite, der seiner Schüler. Unten finden wir die ‚kleinen Kommentare‘. Die Abbildung zeigt das erste Blatt des Traktates Berachot »Segenssprüche«. Den Talmud kann man nicht einfach nur lesen, den Talmud muss man lernen um einen Einblick in dieses faszinierende Feld zu bekommen.

Je mehr man vom Talmud weiß, desto mehr Fragen stellen sich noch. Wir beschäftigen uns heute fast ausschließlich mit dem Talmud Bavli der in den Lehrstätten Babyloniens entstanden ist, während es noch den Talmud Yerushalmi gibt, der in den Lehrhäusern Israels entstanden ist.

Ein Blatt Talmud

Ein Blatt Talmud

Folgende Darstellung zeigt beispielhaft den Aufbau einer Talmud-Seite an, wie sie heute als klassisch gilt. Es ist die Einteilung der Ausgabe von Wilna, die zwischen den Jahren 1880 bis 1886 von den Gebrüdern Romm in ihrer Wilnaer Druckerei eingeführt wurde. Sie hat sich als Referenz durchgesetzt und erscheint uns heute als DIE grafische Repräsentation eines Talmud-Blattes.

Beispielhafter Aufbau einer Talmudseite

Beispielhafter Aufbau einer Talmudseite

Was steht im Talmud? Wie ist er geschrieben?

Wie Eingangs bereits erwähnt wurde, besteht der Talmud aus Mischnah und Gemarah, der Talmud ist also von seiner Struktur her „dialogisch“. Während die Mischnah eine Sammlung von Gebräuchen und Einrichtungen ist, diskutiert die Gemarah darüber und bringt auch Gegenmeinungen vor, die gleichfalls wieder diskutiert werden. Im Talmud kommen so viele verschiedene Sprecher zu Worte und nicht nur gelegentlich schweift die Diskussion ab in kleinere oder größere Diskurse über neue Stichwörter. So werden nicht nur religiöse Gesetze besprochen (Halachah), sondern auch Geschichten, Auslegungen, Sinnsprüche oder Gleichnisse erzählt (Aggadah).

Organisiert ist der Talmud nach den sechs Ordnungen der Mischnah. Diesen folgend ist er in 63 Traktate eingeteilt:

Ordnung

Traktat

deutscher Name

enthält:

Seraim (Saaten)

Berachot

Segenssprüche

 

 

Pea

Ackerecke

 

 

Kilajim

Mischungen

 

 

Schewiit

Das siebente Jahr

Bodenbesitz und Schabbatjahr

 

Terumot

Heben

Abgaben an Priester (Kohanim) und Leviten

 

Maasrot

Zehnte

Steuerabgaben an die Leviten ohne Land

 

Maaser Scheni

Zweiter Zehnter

Abgabe des zweiten Zehnten

 

Challah

Teig

Abgabe von allem Teig an die Priester

 

Orla

Unbeschnittenes

Verbot von Baumfrüchten bis zum vierten Jahr.

 

Bikkurim

Erstlingsfrüchte

Darbringung der Erstlingsfrüchte an Schawuot

Moed (Festzeiten)

Schabbat

Schabbat

Die Schabbatgebote

 

Eruwin

Vereinigungen

Verbindung verschiedener Bereiche eines Hauses und von Höfen (zur Erleichterung des Schabbat)

 

Pessachim

Pessachlämmer

Gebote für das Pessach-Fest

 

Jom Tow

Feiertag

Gesetze der Festtage

 

Ta’anit

Fasten

Genaues zu den Festtagen

 

Rosch ha Schanah

Das Neujahrsfest

Bestimmung der Monate und der Jahre (Neumondsbekundungen) sowie das Blasen des Schofar.

 

Joma

Der Versöhnungstag

Genaues zu Jom Kippur.

 

Sukkah

Laubhütte

Aufbauen und Schmücken der Sukkah und Details zu den Opfern an Sukkot.

 

Schekalim

Steuern

Tempelsteuern. Dieses Traktat enthält nur im Talmud Jeruschalmi eine Gemarah.

 

Megillah

Esther-Rolle

Details zum Purim-Fest und zur Auslegung der Megillah.

 

Moed Katan

Halbfeiertage

Gesetze für diese Zeit.

 

Chagiga

Festopfer

 

Naschim (Frauen)

Jewamot

Schwagerehe

Schwagerehe und Eheverbote

 

Ketubot

Heiratsverträge

Der Ehevertrag

 

Gittin

Scheidebriefe

Der Scheidebrief und die Scheidung der Ehe.

 

Kidduschin

Die Heirat

Fragen zur Verlobung und zur Heirat aber auch Gesetze für Mann und Frau.

 

Nedarim

Gelübde

Genaues zu Gelübden.

 

Nasir

Asketentum

Details zum Nasirat, zum Asketentum zur Zeit des Tempels.

 

Sota

Ehebruch

Gesetze über den Ehebruch.

Nesikin

Bawa Kamma

Erstes Tor

 

 

Bawa Metzia

Mittleres Tor

Funde, Darlehen, Verträge

 

Bawa batra

Letztes Tor

Gesetze über das Nutzen, Verkaufen und Messen von Grundstücken. Auch Erbschaftsrecht und Teilung des Vermögens.

 

Sanhedrin

Gerichtshof

Gerichtshöfe, Strafrecht, Grundsätze des Glaubens.

 

Makkot

Schläge

Regelungen zur Prügelstrafe

 

Schewuot

Schwüre

Wichtigkeit des Eides und seine Diskussion.

 

Edujot

Bekundungen

Zeugnisse und Bekundungen.

 

Awodah Sara

Götzendienst

Fernhalten des Götzendienstes und der Umgang mit Götzendienern.

 

Awot

Die Sprüche der Väter

Enthält keine Gemarah.

 

Horajot

Entscheidungen

Besprechungen von Irrtümern der Gerichtshöfe und Korrekturen der Urteile.

Kodaschim (Heiliges)

Sevachim

Schlachtopfer

Gesetze zu Tieropfern.

 

Menachot

Speiseopfer

Darbringung von Speiseopfern.

 

Chullin

Profane Schlachtung

Details zur Schächtung und den Speisevorschriften

 

Bechorot

Erstgeburten

Männliche Erstgeburten bei Tier und Mensch.

 

Arachin

Schätzungen

Wie man Dinge schätzt, die dem Tempel geweiht sind.

 

Temura

Ersatz

Austausch von Opfern.

 

Keritot

Abtrennungen

Über die 26 Übertretungsfälle, die man „Ausrottung“ geahndet werden.

 

Me’ila

Veruntreuung

Veruntreuung von Tempeleigentum.

 

Middot

Maße

Der Tempelbezirk und seine Maße. Keine Gemarah.

 

Kinnim

Vogelnester

Vogelopfer.

Taharot (Reinheit)

Niddah

Menstruation

Details zur Menstruation

 

Kelim

Geräte

Geräte und ihre Tauglichkeit

 

Ohalot

Zelte

Durch Leichen verursachte Unreinheit an Personen und Dingen die sich mit der Leiche unter einem Dach befinden.

 

Negaim

Aussatz

Aussatz bei Menschen, Kleidern und Häusern.

 

Parah

Rote Kuh

Über die rote Kuh.

 

Taharot

Reinheit

Über die rituelle Unreinheit

 

Mikwaot

Tauchbäder

Über die Mikveh und ihre Vorschriften.

 

Machschirin

Empfindlichkeit

Welche Gegenstände Unreinheit übertragen können.

 

Sawim

Flußbehaftete

Männer und Frauen die an Ausfluß leiden.

 

Tewul Jom

Der Untergetauchte

Über Personen die sich einem Tauchbad unterzogen haben.

 

Jadajim

Hände

Unreinheit der Hände.

 

Ukzin

Stiele

Stiele, Schalen und Kerne die Unreinheit übertragen können.

Ein Beispiel aus der Aggadah

Die Geschichte geschah wiederum an einem Nichtjuden, der zu Schammaj kam und sprach „Bekehre mich, indem du mich die ganze Torah lehren willst, solange ich auf einem Bein stehen kann.“ Da stieß Schammaj ihn fort mit einem Maßstecken, wie sie die Zimmerleute gebrauchen. Da ging der Heide von Schammaj weg und kam zu Hillel und fragte auch ihn, ob er ihn die ganze Torah lehren wollte, solange er auf einem Bein stehen könne. Da bekehrte ihn Hillel auf seine Worte hin und sprach: „Ich will dich die ganze Torah lehren, solange du auf einem Bein stehen kannst.“ Und sprach zu dem Heiden: „Halte dich an den Schriftvers: ‚Du sollst deinem Nächsten nichts Ärgeres tun, als du dir gern getan haben willst.‘ Das ist der Urgrund der ganzen Torah. Der Rest ist Auslegung. Geh hin und lerne weiter.“ So lehrte Hillel ihn die ganze Torah, während er auf einem Bein stand. -Schabbat 31a (Zitiert aus dem bei dtv erschienenen Buch „Das Ma’assebuch„, das zahlreiche Geschichten aus dem Talmud nacherzählt.)

Mehr aus der Aggadah gibt es hier.


Literatur

  • Carmell, Aryeh Aiding Talmud study / [Siyaʻta li-Gemara], New York 1986
  • Mayer, Reinhold; Der Babylonische Talmud übersetzt und erklärt, München 1963
    Geeignet für einen Einstieg in die Texte.
  • Steinsaltz, Adin; The Essential Talmud, New York 1976.
  • Steinsaltz, Adin; A reference guide, New York 1989
Kategorie: Talmud

von

Chajm ist Herausgeber von talmud.de, Organisator des Minchah-Schiurs im Ruhrgebiet und Autor für diverse Medien. In seinem Blog gibt es aktuelle Informationen über das, was sich in der jüdischen Welt so tut.