Midrasch

Abraham im Midrasch

Die Verehrung, der sich die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob seitens der Haggada erfreuten, war so groß, dass man ihre Existenz schon vor der Weltschöpfung annahm (Bereschit Rabba 1, 4. S. 6). Als der bedeutendste unter den Patriarchen gilt Abraham (Bereschit Rabba 4, 6; Sukka 49a; Schemot Rabba 1 Ende und 49), und nur um seinetwillen hat Gott die Welt erschaffen. Ausführlich sind die Legenden bes. über Geburt und Jugend Abrahams in die späteren Midraschim aufgenommen und ausgesponnen, teilweise unter dem Einfluss fremder, z. B. arabischer Quellen. Ist ja Abraham nach Mohammed die wichtigste Person der Bibel, und die Ereignisse in seiner Familie sind auch in arab. Quellen dichterisch ausgeschmückt, wobei Ismael die Stelle Isaaks einnimmt und Sara gegenüber Hagar in den Hintergrund tritt. Viele Erzählungen aus dem Midrasch wurden in der arabischen Literatur weitläufig ausgeschmückt, um dann in den späteren Midraschim in neuer Bearbeitung wieder zu erscheinen. Namentlich das Erwachen der monotheistischen Erkenntnis in Abraham beschäftigt den Midrasch. So wird die Furcht Nimrods, der von seinen Untertanen als Gott betrachtet wurde, vor dem in die Welt kommenden Sohn Terachs geschildert, der nach Aussage der Sternseher die bestehende Religion bekämpfen und die Götzenbilder zertrümmern sollte. Abraham flüchtet in eine Höhle und gelangt durch die Betrachtung der Sonne, des Mondes und der Veränderungen am Himmel in eigener gedanklicher Arbeit zur Erkenntnis des einzigen unsichtbaren Gottes. Im Kampf nicht nur mit seinem götzendienerischen Vater, sondern auch mit der ganzen heidnischen Umwelt zog er sich Nimrods Hass zu, der sich in seiner Herrschaft bedroht fühlte und deswegen Abraham zum Feuertode verurteilte. Diese Episode und die Errettung Abrahams vom Feuerofen (Gen. 15, 7, wo Ur אוּר, die Stadt, als or אֹור Feuer verstanden wird) wird im Talmud und den alten Midraschim vielfach gedeutet, und in den späteren Midraschim entsteht hieraus ein ganzer Sagenkreis (b. Abraham S. 3 a, Baba Batra 91a, Pessachim 118 a, Bereschit Rabba 44, 2. S. 428, Schemot Rabba 23, 1).

Nach dem Verlassen der Heimat beginnt Abrahams eigentlicher Aufstieg. In dem mit Gott geschlossenen Bund (Gen. 15, 1) erhält Abraham die Verheißung der künftigen Größe seiner Nachkommen und Stärkung in seinem Glauben. Die Taten Abrahams werden überhaupt als Vorbedeutung für dessen Nachkommen hingestellt (Bereschit Rabba 54, 5 und 48,7; 40,6.). Im Midrasch wird besonders seine Frömmigkeit hervorgehoben; ja, es wird angenommen, dass er alle 613 Gebote und Verbote der Tora und auch die mündlich überlieferten Gesetze erfüllt habe (Joma 28 b, Tanchuma zu Bereschit 15, 1). Die Verbreitung des Gottesglaubens, seine Gastfreundschaft, seine Tapferkeit und Uneigennützigkeit und sein Verhalten bei der Prüfung der Akeda wurden Abraham zum höchsten Lobe angerechnet, vgl.Maimonides zu P.Abraham 5, 3; Sota 10a; Bereschit Rabba 43,7;48,9; Kidduschin 32b; Talmud Jeruschalmi Berachot 9, 7, zur Reihenfolge der Prüfungen: Awot de-Rabbi Natan 33)

Es finden sich aber im Midrasch vereinzelte Meinungen, die Abraham auch Fehler vorwerfen, die dann seine Nachkommen büßen mussten: nicht immer habe er Gott voll vertraut, sondern war auch ein Zweifler (Nedarim 32a), seine Kinder mussten deswegen nach Ägypten ziehen (Seder Elijahu Rabba 14, Bereschit Rabba 44, 5 und 63, 6). Wenn die Juden trotz ihrer Sünden vor Gott bestehen können, so ist dies Abrahams Verdienst (Bereschit Rabba 39, 9; Schemot Rabba 28, 1). Er ist der Beschützer seiner Nachkommen; er sitzt an der Türe der Hölle und rettet seine Kinder vor deren Schrecknissen (Bereschit Rabba 48,8), Abraham wird auch als derjenige angeführt, der das Morgengebet (Schacharit) anordnete, indem man Gen. 22, 3 »Abraham macht sich frühmorgens auf« als sein Beten bei Tagesanbruch auffasste (so wie Isaak Gen. 24, 63 auf die Einführung des Minchagebets bezogen und die Worte und Jakob Gen. 28, 11 anstatt »er kam an den Ort« als »er flehte zu Gott« und als Anordnung des Maariwgebetes gedeutet werden; Berachot 26b).

Kategorie: Midrasch

von

Rabbiner Dr. Alexander Kristianpoller. Geboren 1884 in Lanowce, stammte aus einer Rabbinerfamilie, studierte in Wien und ging dann als Rabbiner nach Linz und Wien. Nach dem deutschen Einmarsch in Österreich wurde ihm ein Visum für die USA verwehrt. Am 18. September 1942 wurde er in Maly Trostinec bei Minsk umgebracht.